„IT-Wunderland“ Rumänien

Was steckt wirklich hinter dem Mythos?

Die Karte aus der FES-Studie mit der Anzahl der IT-Unternehmen in jedem Kreis verdeutlicht ein starkes geografisches Ungleichgewicht.

Die vollständige Studie der FES steht als PDF in Englisch oder Rumänisch zur Verfügung: Links: library.fes.de/pdf-files/bueros/bukarest/17691-20210401.pdf und library.fes.de/pdf-files/bueros/bukarest/17692-20210401.pdf

Zuerst hielt „Guccifer“ die Welt in Atem: Er hackte die E-Mail-Konten zahlreicher Berühmtheiten, darunter die der US-Präsidentenfamilie Bush oder von George Maior, seinerzeit Chef des rumänischen Inlandsgeheimdienstes SRI, die Informationen soll er dem Geschäftsmann Dan Voiculescu verkauft haben. Seit 2017 sitzt Marcel Lazar Lehel, so sein wirklicher Name, in Arad im Gefängnis. Sein Genie war ihm zum Verhängnis geworden. Aber es gibt auch Geschichten mit Happy End...

Einer der berühmtesten sogenannten „White Hat Hacker“ ist der Rumäne Alexandru Coltuneac. Als Jugendlicher  entwickelte er autodidaktisch einen Computervirus. Heute unterstützt er mit seinem Wissen Giganten wie Google, PayPal oder Microsoft, um deren Produktsicherheit zu testen. Der ehemalige Cyberpirat findet Spaß daran, den besten Experten der Welt ihre Schwächen vorzuführen, gesteht er in einem Interview auf balkaninsight.com: „Es ist eine Art hacken, ohne Schaden anzurichten.“

Es gibt noch ein drittes berühmtes Beispiel: Bitdefender. Kaum jemand, der diesen Namen noch nicht gehört hat – aber auch kaum jemand, der sich bewusst ist, dass dieses 2001 gegründete Cybersicherheits-Unternehmen mit Niederlassungen in den USA, Europa, Australien und dem Mittleren Osten von einem Rumänen gegründet wurde: Florin Talpeș, heute CEO und Hauptaktionär. Bitdefender hat 1600 Angestellte, hält 440 Patente inne und belegte 2018 weltweit Platz sieben auf der Liste der Anti-Malware-Anbieter.  Und unterstützte Interpol, Europol oder das FBI bei der Aufklärungen der bedeutendsten Cybercrime-Fälle. Balkaninsight schreibt: „40 Prozent der Antivirus- und digitalen Sicherheitsfirmen auf dem Markt nutzen zumindest eine von Bitdefender entwickelte Technologie, dies in einem Land, in dem kaum eine andere  heimische Firma auf dem internationalen Parkett Fußspuren hinterlässt.“ Und zitiert Bogdan Botezatu, deren Chefanalyst für elektronische Bedrohungen: „Rumänien ist derzeit eine der größten Talent-Reserven im Bereich IT und Computer.“

Hinter die Kulissen geguckt

Laut Botezatu sei es die  langjährige Tradition in den STEM-Fächern (Science, Technology, Engineering, Mathematics) an den Universitäten, die dem Land hochspezialisierte Experten beschert. Rumänien sei bereits jetzt international anerkannt. Auf dem Gebiet der Cybersicherheit gäbe es Potenzial, eine noch größere Rolle zu spielen. Vielleicht wird dies bald der Fall sein, denn im Dezember letzten Jahres wurde Bukarest unter sieben Städten, darunter Metropolen wie München und Brüssel, als Sitz für das Europäische Zentrum für Cybersicherheit ausgewählt. Gründe seien Rumäniens guter Ruf in diesem Bereich, sein hohes Ranking in der Breitband-Internetgeschwindigkeit, sichere Netzwerke und beste Ressourcen für humanes Kapital mit digitaler Expertise im EU-Vergleich, so politico.eu.

Doch wie reflektiert sich der „Mythos IT-Rumänien“ in der Wirtschaft? Eine Studie von Syndex Romania, in Auftrag gegeben von der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), will ihn entzaubert haben. Die Autoren Ștefan Guga und Marcel Spătari hinterfragen darin den Beitrag der IT-Branche zum Bruttoinlandsprodukt, zeigen Probleme auf und beleuchten die Rolle von Multinationalen, Angestellten und dem Staat. Ist Rumänien tatsächlich Talente-Pool und Ideenschmiede – oder doch wieder nur ein Billiglohnland?

Beitrag zum BIP nicht überwältigend

Der gesamte IT&C-Sektor generierte in den letzten zwei, drei Jahren 6,1 BIP-Prozent, so die offiziellen Zahlen, heißt es am 1. April auf der Zoom-Veranstaltung der FES „Der IT-Sektor in Rumänien – eine Ausnahme, die die Regel bestätigt“. Tatsächlich beliefe sich der Wert der Produktion aus dem Sektor IT, definiert durch die CAEN-Codes 62 und 63, nur auf 2,8 BIP-Prozent und 3,9 Prozent Mehrwert, wenn man die Telekommunikation herausrechnet, die mit IT wenig zu tun hat. Dies sei immer noch ein bedeutender Beitrag zur nationalen Wirtschaft, bemerkt Sp˛tari, doch keinesfalls „sechs Prozent und mit Hunderttausenden Angestellten, wie die Medien darstellen“. Im quantitativen Vergleich seien Branchen wie die Lebensmittel-, Getränke- und Tabakindustrie, das Transport- und Bauwesen oder der Handel bedeutender für die nationale Wirtschaft.

Fulminanter Export, schwacher Binnenmarkt

Ein weiteres Maß für die Leistung des IT-Sektors ist der Export. Auch dieser werde häufig als außergewöhnlich dargestellt, so die Autoren der Studie. Die Zahlen sprechen eine etwas andere Sprache: 2018 belief sich der Export an IT-Leistungen aus Rumänien auf 3,4 Milliarden Euro oder 3,7 Prozent aller exportierten Güter und Dienstleistungen und beträgt damit 1,7 BIP-Prozent. Man muss jedoch gegenrechnen, dass Rumänien 2018 IT-Leistungen im Wert von 1,2 Milliarden Euro importierte. Damit beträgt der Netto-Export nur noch 2,2 Milliarden Euro oder 1,1 Prozent des BIP.

Dies sei immer noch eine relativ hohe Leistung, die auf EU-Niveau in BIP-Prozent nur von Finnland, Schweden, Bulgarien und Estland übertroffen würden, so die Analysten. In absoluten Ziffern sei der Netto-Export an IT-Leistungen aus Rumänien sogar größer als der aus Deutschland oder der Niederlande, sowie der meisten Nachbarländer.
Doch ist dies nicht den außergewöhnlich hohen Exporten zu verdanken, sondern den eher geringen Importen, was auf einen schwachen internen Markt verweist, wenn es um die Absorption von Hochtechnologie geht, relativiert die FES-Studie.

Kein Eldorado für Startups

Wie sieht es mit den unternehmerischen Chancen im IT-Bereich aus? Wie viele  Startups können sich längerfristig auf dem rumänischen Markt behaupten? 2018 waren nur noch 38 Prozent der fünf Jahre zuvor gegründeten IT-Unternehmen auf dem Markt, verrät hierzu die Studie. Im Vergleich dazu waren es auf dem Bausektor 49 Prozent, im Hotel- und Bewirtungswesen 50 Prozent, im Handel 55 Prozent und auf dem Immobilienmarkt 52 Prozent. Eine weitere Besonderheit des IT-Sektors ist, dass die Überlebensrate von Neugründungen nach zwei, drei Jahren Existenz stark sinkt.

Eine Landkarte, die die Anzahl der IT-Unternehmen in jedem Kreis zeigt, verdeutlicht zudem ein starkes geografisches Ungleichgewicht. Dieses wird von den Turbulenzen des Arbeitsmarktes signifikant verstärkt, betonen die Syndex-Experten. Während Bukarest mit 1536 IT-Firmen an der Spitze liegt, gefolgt von Klausenburg/Cluj mit 567, Temesch/Timiș mit 271, Jassy/Iași  mit 227 und Kronstadt/Brașov mit 181, bilden die Kreise Vaslui (9 ), Mehedinti (7), Karasch-Severin (5) und Tulcea (4) die Schlusslichter.

Billiglohnland für Multinationale

Eine Analyse der Geschäftszahlen der wichtigsten multinationalen IT-Unternehmen in Rumänien zeigt, dass die Filialen in diesem Land eine untergeordnete Position einnehmen. Das Kapital ist klein, die Komplexität der Aktivitäten niedrig, die Entscheidungsfreiheit gering, so die Experten. Während Ubisoft mit seiner Rumänien-Filiale 2019 immerhin 3,5 Prozent der Verkäufe realisierte, liegen die übrigen neun Firmen mit ihren hiesigen Niederlassungen unter einem Prozent des globalen Umsatzes. Was das Kapital in Rumänien im Vergleich mit dem Gesamtkapital der Multinationalen in Prozent betrifft, führt Ubisoft mit 1,2 Prozent, gefolgt von Endava (2,0), Atos (0,8 Prozent), Electronic Arts (0,3), Nokia (0,3), Oracle (0,3), Ericsson (0,1), IBM (0,1), Softvision (0,1), Amazon (0,05), Microsoft (0,03) und NTT (0,03).

Die Vortragenden schlussfolgern: Auch wenn die Löhne im IT-Sektor im Vergleich zu anderen Branchen zu den besten gehören, bleibt Rumänien für die globalen Big Player ein Billiglohnland für wenig qualifizierte Tätigkeiten.

Steuerbefreiung: Talentförderung oder versteckte Subvention?

Die staatliche Befreiung von der Lohnsteuer für Angestellte im IT-Sektor kommt übrigens nicht diesen direkt zugute, sondern vielmehr den Arbeitgebern, warnen die Autoren der Studie. Diese als versteckte Subvention zu betrachtende Summe addierte sich im Zeitraum 2016 bis 2020 auf fast drei Milliarden Lei auf! Paradoxerweise könne ausgerechnet die als Förderung gedachte Maßnahme mittel- und langfristig zu einer Stagnation des IT-Sektors führen: Die Firmen gewöhnen sich an reduzierte Kosten, setzen weiterhin auf Aktivitäten mit wenig Mehrwert und tätigen unbedeutende Investitionen.

Dies alles reflektiert sich schließlich in der Produktivität der Angestellten. Aus den Geschäftsberichten von 20 führenden Unternehmen ergibt sich für 2019 eine mittlere jährliche Produktivität von 182.000 Lei pro Angestelltem. Dies sei vergleichbar mit der Produktivität der Angestellten von Dacia, Ford oder Lidl.

Wo bleiben die genialen Köpfe?

In der Welt der Multinationalen scheinen sich Rumäniens Hacker-Talente zumindest hierzulande nicht wiederzufinden. Hat der Braindrain die größten Talente ins Ausland gespült? Suchen sie ihre Chancen in der Illegalität? Oder bei den Nachrichtendiensten – den eigenen, den fremden? Und was tut Rumänien dagegen? In einem Land, in dem für fast jeden mittelprächtigen Job ein Hochschulabschluss gefordert wird, gibt es keinen Platz für Autodidakten ohne Bakkalaureat, aber mit der Fähigkeit, das Pentagon lahmzulegen.

Zu der Frage, wo die Talente geblieben sind, mag folgendes Beispiel zum Nachdenken anregen: In einer Episode der TV-Reihe „Imperiul Leilor“ (Reich der Löwen), in der Kandidaten ihre Geschäftsideen präsentieren und potenzielle Investoren entscheiden, ob sie sich an dem Projekt beteiligen wollen, wird ein Spastiker im Rollstuhl hereingeschoben. Der Jugendliche, der an Stephen Hawking erinnert, präsentiert mühevoll sprechend sein Projekt – und alle der fünf „Löwen“ bieten ihm spontan  volle finanzielle Unterstützung!  Mit einer Software, die Kopfbewegungen in Buchstaben und Zahlen umsetzt, programmierte er eine bislang einzigartige Online-Lernplattform, die auch automatisch Tests erstellen kann. Den Code dafür entwickelte er im Kopf.

 

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