Astrid Fodor - primarul Sibiului

Königin Maria von Rumänien und die Pariser Friedenskonferenz von 1919

Historienfilm von Alexis Sweet Cahill neu in den rumänischen Kinos

Der italienische Regisseur von Fernsehserien und Dokumentarfilmen Alexis Sweet Cahill hat sich mit seinem in Bukarest, Paris und London gedrehten Spielfilm „Maria, Regina României“ (Maria, Königin von Rumänien), der vor Kurzem in die rumänischen Kinos kam, dem Genre des Historienfilms und einer wichtigen Gestalt der Zeitgeschichte zugewandt, die bei der Gründung des modernen rumänischen Staates eine nicht unwesentliche Rolle spielte: der Prinzessin Marie von Edinburgh, Enkelin der britischen Königin Victoria und des russischen Zaren Alexander II., die 1914 als Gattin des rumänischen Thronfolgers Ferdinand von Hohenzollern-Sigmaringen den rumänischen Thron bestieg und 1922 in Karlsburg/Alba Iulia zur Königin Großrumäniens gekrönt wurde.

Der mit internationalen Schauspielern besetzte Spielfilm beleuchtet allerdings nur einen recht kurzen Abschnitt aus dem Leben Marias, nämlich einige wenige Monate in der ersten Hälfte des Jahres 1919. Zu Beginn des Films sieht man die rumänische „Königin der Herzen“, wie sie sich im Februar 1919 karitativen Aufgaben widmet und der darbenden rumänischen Bevölkerung am Stadtrand von Bukarest Lebensmittel und Medikamente zukommen lässt. Noch im selben Monat reist sie nach Paris, um dort den rumänischen Premierminister Ion I. C. Brătianu und Leiter der rumänischen Delegation bei der Pariser Friedenskonferenz zu unterstützen, wo es vor allem um die rumänischen Gebietsforderungen geht und um die Frage, ob Rumänien als Siegermacht zu behandeln und dementsprechend zu belohnen sei, oder ob das Paktieren Rumäniens mit den Mittelmächten im (allerdings nie ratifizierten) Frieden von Bukarest (Mai 1918) bzw. im Vorfrieden von Buftea (März 1918) nachträglich zu sanktionieren sei. Gegen zahlreiche politische Widerstände gelingt es Maria, ein erstes Treffen mit einem der „Großen Vier“, nämlich mit dem französischen Premierminister Georges Clemenceau, zu arrangieren und sich bei diesem für ihr politisches Anliegen Gehör zu verschaffen: in Cahills melodramatischem Film mit den sogenannten Waffen der Frau, in diesem Fall mit dem kalkulierten Einsatz von Tränen, die sich Maria im augenzwinkernden Komplott mit dem Kinobesucher schnell wie-der aus den Augenwinkeln wischt.

Um Bewegung in die festgefahrenen Pariser Friedensverhandlungen zu bringen, reist die rumänische Königin im März 1919 nach London, um ihren Cousin, den britischen König George V., im Buckingham Palast zu besuchen und über ihn eine Audienz beim britischen Premierminister David Lloyd George zu erwirken. Das Vorhaben gelingt. Wieder nach Paris zurückgekehrt, empfängt sie den britischen Amtsträger, der sie bis dato durch Nichtbeachtung gestraft hat, in der Herrscherpose ihrer Großmutter Victoria, sodass sie dem gewieften Politiker am Ende doch gehörigen Respekt einflößt und abnötigt.

Dem dritten der „Großen Vier“, dem amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, nähert sie sich über dessen zweite Ehefrau Edith, die daraufhin ein gemeinsames Abendessen arrangiert, bei dem Maria den amerikanischen Politiker mit ihrem sentimentalen Bekenntnis zu Rumänien, seinen Landschaften und seinen Bewohnern, für sich und ihre Sache einnimmt. Im April 1919 kehrt Maria nach Bukarest zurück, wo ihre scheinbar erfolglosen diplomatischen Bemühungen vom Ministerrat, von ihrem Gatten, insbesondere aber von ihrem Sohn Karl, dem späteren König Carol II., als nutzlose Verschwendung von Geld und Zeit gebrandmarkt werden. Enttäuscht zieht sich die Regentin nach Sinaia ins Schloss Peleș zurück, wo eines Tages wider Erwarten König Ferdinand auftaucht und ihr, nach einer umständlichen Liebeserklärung, die Erfolgsmeldung – Durchbruch in Paris! – überbringt.

Der an Originalschauplätzen (Schloss Cotroceni, Schloss Peleș, Quai d’Orsay) gedrehte und in der Postproduktion um virtuelle Settings (u. a. Gara de Nord in Bukarest, Gare de Lyon in Paris) bereicherte Film endet dann mit historisch-dokumentarischen Aufnahmen, die Maria und Ferdinand im Jahr 1922 bei der Krönung zum Herrscherpaar Großrumäniens in der Dreifaltigkeitskathedrale von Karlsburg zeigen.

Ein Historienfilm kann per se niemals geschichtswissenschaftliche Ansprüche erfüllen, er kann gleichwohl Akzente setzen, den Historikern Fragen vorlegen und ihnen Forschungsaufgaben stellen. War Königin Maria tatsächlich jene souverän agierende, machtbewusste, taktisch clevere und mit allen Wassern gewaschene Frau, die quasi im Alleingang das Projekt Großrumänien vorantrieb, wie der Film Cahills (mit den Ko-Drehbuchautorinnen Brigitte Drodtloff, Ioana Manea und Maria Denise Theodoru) dies glauben machen will? Trug sie tatsächlich maßgeblich zum Erfolg der rumänischen Delegation bei der Pariser Friedenskonferenz bei, indem sie deren Arbeit entscheidend unterstützte und dem rumänischen Verhandlungsführer Brătianu gar den Rücktritt als Premier ausredete? Ertrug sie die Zurückweisung durch ihren Gatten Ferdinand sowie durch ihre Söhne Carol und Nicolae („Nicky“) in der Tat so fraulich mild und mütterlich stoisch, wie der Film dies nahe legt?

Müßig darüber zu spekulieren! Dem Film jedenfalls, der auch Unterstützung seitens der Kustodin der rumänischen Krone erfuhr, eignet die Tendenz zur Verklärung der rumänischen Königin nach den höfischen Topoi der gerechten Herrscherin und der hohen Frau, der als Mutter der großrumänischen Nation zudem gleichsam religiöse Attribute der namensidentischen Schutzmantelmadonna zuteil werden. Neben diesen idealisierenden und mythisierenden Elementen bringt der Film aber durchaus auch moderne Denkanstöße, vor allem in Bezug auf multinationale und polyethnische Fragen. Wie kann eine in England geborene blaublütige Frau ihr Herzblut so sehr für das ihr letztlich fremde Volk der Rumänen hingeben? Warum setzt König George V. trotz seiner eigenen multinationalen (dänischen, russischen und deutschen) Verwandtschaft argumentativ alles auf die mononationale Karte, wenn er seiner Cousine Maria die Pflicht allein gegenüber dem Heimatland vor Augen hält? Und wie lässt sich die Idee Großrumäniens überhaupt mit multiethnischen Herausforderungen in Einklang bringen?

Untermalt wird Alexis Sweet Cahills Film durch einen klassischen Soundtrack (Giancarlo Russo), der vom Bulgarischen Nationalen Radio-Sinfonieorchester eingespielt wurde und der die melodramatische Handlung mit sanften auf und ab schwellenden Klängen gefühlvoll begleitet. Die Sprachen des Films sind Englisch und Rumänisch, in wenigen Sequenzen erklingt das Französische, selten auch das Deutsche, letzteres vor allem in den (durch einen deutschen Dialogberater einstudierten) Wortwechseln zwischen König Ferdinand und seinem Sohn Karl. Schauspielerisch erweist sich Roxana Lupu in der Titelrolle als Idealbesetzung, nicht nur wegen ihres lupenreinen Englisch, sondern auch weil sie auf substantielle Erfahrungen in blaublütigen Filmrollen zurückgreifen kann: als Königin Elisabeth II. von England, als deren jüngere Schwester Margaret sowie als die russische Großherzogin Tatiana Romanova.

Des Weiteren sind unter den rumänischen Schauspielern hervorzuheben: Adrian Titieni als Ministerpräsident Brătianu, Șerban Pavlu als Chauffeur der rumänischen Königin, Anghel Damian als Prinz Karl, Emil Măndănac als Fürst Barbu Știrbey und Maria Müller als Karls Geliebte Zizi Lambrino. Diesen gesellen sich hervorragende internationale Schauspieler zu, etwa der Luxemburger Daniel Plier, der am Nationaltheater „Radu Stanca“ in Hermannstadt/Sibiu wirkt und in Cahills Film den rumänischen Monarchen Ferdinand verkörpert; oder Robert Cavanah als Oberst Joe Boyle; oder Nicholas Boulton als König George V.; oder Patrick Drury als Woodrow Wilson; oder Richard Elfyn als Premierminister Lloyd George; und nicht zuletzt Ronald Chenery als Ministerpräsident Georges Clemenceau.

Manche Filmsequenzen sorgen im Hinblick auf die Wahl der Schauplätze für Verblüffung oder gar unfreiwillige Komik. So entschließt sich etwa die in Paris weilende Königin Maria zu einem Spaziergang und ergeht sich sogleich im Bukarester Stadtpark Cișmigiu; oder die digitale Postproduktion kopiert den Pariser Eiffelturm in die Landschaft des Bukarester Parks „Regele Mihai I al României“ (vormals „Herăstrău“); oder Königin Maria begegnet Edith Wilson bei einer Kunstausstellung in einem herrschaftlichen Pariser Stadtpalast, der sich als das Bukarester Athenäum entpuppt. Aber warum sollten sich in einem Film, der Geschichte in Szenarien einkleidet und Schauspieler in historische Kostüme umkleidet, nicht auch Schauplätze verkleiden dürfen?
 

cffviseu

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Bemerkungen :

  • user
    Edmund Fota 26.11.2019 Beim 16:39
    Es wäre noch zu erwähnen, dass dieser Film wahrscheinlich nie gegeben hätte, ohne Brigitte Drodtloff, die jahrelang recherchiert, das Drehbuch geschrieben und das Projekt angestoßen hat.