Kopfstand – ein Schachzug

Wie der Tod mit dem Menschen Schach spielt und sein freundliches Antlitz zeigt

Gert Fabritius: „Tod und Waffe“, Holzschnitt, 75 x 54 cm

Gert Fabritius: „Tod und Seele“, Holzschnitt, 75 x 54 cm

Thea Dorn: Trost. Briefe an Max, Penguin Verlag, München 2021

Warum erträgt der Mensch seine Sterblichkeit so schwer? Wie kann sich ein Mensch mit sich selbst und der Welt versöhnen? Autorin Ingeborg Szöllösi, die an der LMU München im Fach Philosophie promoviert hat und in Berlin lebt, sucht eine Antwort bei Künstlern, Philosophen und einer Schriftstellerin. Den Holzschneider und Zeichner Gert Fabritius hat sie interviewt. Dessen Totentanz-Zyklus Der Tod tanzt 1989/1996 (14 Holzschnitte von 1989: Tod und Seele, Tod und Wasser, Tod und Hunger, Tod und Wald, Tod und Müll, Tod und Luft,  Tod und Flug, Tod und Straße, Tod und Ozonloch, Tod und Aids, Tod und Macht, Tod und Waffe, Tod und Atom, Tod und Kreuz, und 1996 mit 14 Versen versehen) finden sich im Besitz des Hamburger Kupferstichkabinetts, des Hermannstädter Brukenthal-Museums und des Siebenbürgischen Museums in Gundelsheim. 

Wer könnte einem in diesen seltsamen Zeiten zur Seite stehen, wer Trost spenden? Ich musste mir nicht lange den Kopf zerbrechen: Sofort fiel mir Gert Fabritius ein. Mit dem siebenbürgischen Künstler hatte ich im Januar 2020 im Hinblick auf seinen 80. Geburtstag ein langes Gespräch geführt, aus dem später einige Beiträge entstanden sind. Vieles wollte ich damals von ihm wissen, doch das brisanteste Thema – den Tod – klammerte ich aus. Dabei kannte ich seinen Zyklus „Der Tod tanzt“, der uns in 14 Farbholzschnitten das Grauen vor Augen führt und uns mit seinen 14 Sentenzen zum Nachdenken einlädt. Je länger ich mich in diese Arbeit vertiefte, umso erträglicher wurden mir die Hiobsbotschaften, die uns tagtäglich in Alarmbereitschaft versetzen.

Kurzer Rückblick

Begonnen hatte es Mitte März 2020, als der französische Präsident in seiner Rede an die Nation verkündete: „Wir sind im Krieg“. Als er fortfuhr: „Wir kämpfen weder gegen Armeen noch gegen eine andere Nation. Aber der Feind ist da, unsichtbar – und er rückt vor“, hatte ich nur noch ein müdes Lächeln für seine martialische Rhetorik übrig. Angemessener schien mir, mich am Beispiel eines anderen Franzosen zu orientieren: Michel de Montaigne. Der Begründer der Essayistik hatte am eigenen Leib erfahren, was Krieg bedeutet. Er lebte im 16. Jahrhundert: „in einer Zeit, in der, wie es in wilden Bürgerkriegen nun einmal ist, Beispiele kaum glaublicher Grausamkeit sich häufen“. In seinen „Essais“ (Versuchen) hielt er seinen Zeitgenossen den Spiegel vor: „Euer ganzes Leben lang baut ihr am Tode“. Wie sinnvoll ist das im Anbetracht der Tatsache, dass „auch die stärkste Sicherung uns nicht vor ihm schützen kann“? Sein Vorschlag hebt mit den Worten an: „Wollen wir lieber lernen, wie wir ihm entgegentreten und mit ihm fertigwerden können“ – und kulminiert mit dem allseits bekannten Satz: „Philosophie heißt Sterbenlernen“, mit dem sich der große Humanist als Erbe der alten Griechen erweist.

In der ersten „Halbzeit“ kam ich mit dieser philosophischen Einstellung recht unbeschwert durch. Doch bereits im Herbst fing ich an, daran zu zweifeln. Und ein Jahr später – nach unzähligen Toten, Bildern von Krematorien mit übereinandergestapelten Särgen, mehreren Lockdowns, dem Bild von an Schul- und Kulturstopps verzweifelnden Menschen – war mir meine Gelassenheit abhandengekommen: Sind wir vielleicht doch im Kriegszustand? Der häufig vorkommende Begriff „Triage“ – eine fatale Falle für menschliches Handeln, wegen der die Shutdown-Maßnahmen in Kauf genommen werden – kommt aus der Kriegsmedizin. Seit vielen Monaten wird tagtäglich die Zahl der Toten auf allen Nachrichtenkanälen eingeblendet. Die Menschen erzählen sich schaurige Geschichten …

Ein Buch

Zugegeben, in meinem familiären Umfeld sind alle gesund. Dennoch schlug ein Buch von Thea Dorn, das vor Kurzem im Münchner Penguin Verlag erschienen ist, wie ein Blitz ein und machte mich von Seite zu Seite nervöser: Es geht um eine Tochter, deren 84-jährige Mutter, eine reiselustige Theaterfrau, die weder das Reisen noch das Theater lassen kann, an Covid-19 stirbt. Ich identifizierte mich so sehr mit dieser fiktiven Gestalt, dass ich meiner 84-jährigen Mutter, die in Klausenburg lebt und ebenfalls unternehmungslustig ist, anfing, per Telefon jeden Schritt vor die Tür zu verbieten. Mein Ton wurde immer hysterischer, ich immer wütender. Der fiktiven Tochter gab ich recht – „wer mit dem Tod seinen Frieden macht, der beugt sich dem Prinzip der Gewalt, der Unterwerfung, der Tyrannei. (…) Wer die Menschlichkeit verteidigen will, muss den Tod auf die Anklagebank setzen. Diesen Prozess zu führen, obwohl er weiß, dass er ihn verlieren wird, macht den Menschen nicht zum Gespött. Sondern überhaupt erst zum Menschen.“

An dieser Stelle kam nun Gert Fabritius ins Spiel. Ich erinnerte mich an seinen „Zeitgenössischen Totentanz“, wie er selbst seine Arbeit aus dem Jahr 1989 nennt, und nahm mir vor, Versäumtes nachzuholen. Ich bat den Künstler erneut um ein Gespräch, in dem es nur um den Tod gehen sollte. Hatte er mir nicht schon mal geholfen? Durch seine Tagebuch- und Blatt-Auf-Zeichnungen fällt es mir heute nicht mehr schwer, mir Camus? Sisyphos als „glücklichen Menschen“ vorzustellen (s. Spiegelungen Heft 1/2020).

Ein ständiger Begleiter

Was macht ein Künstler, um mit dem Tod fertigzuwerden? „Einen Kopfstand – das ist mein Schachzug gegen den Tod. Ich lebe gerne und versuche, sein Kommen hinauszuzögern. Aber wenn er anklopft, bin ich bereit: ‚So, jetzt ist Schluss, komm mit!‘ Ich wäre ihm dankbar, wenn er mich aus dem Leben reißen und nicht aus dem Krankenhaus von zig Schläuchen holen müsste!“ Zu Gert Fabritius’ Lebensdiätetik gehört, dass er den Tag mit einem Kopfstand beginnt. Unser Gespräch fand im virtuellen Raum statt. Doch wenn Begegnungen wieder erlaubt sind, werde ich das neue Domizil des Künstlers in Hamburg aufsuchen und mich persönlich davon überzeugen.

An seinem Ton erkenne ich seine lebensbejahende Haltung wieder, die mich bei unserer Begegnung im letzten Jahr in seinem Stuttgarter Atelier-Haus faszinierte und die Frage nach dem Tod vergessen ließ. Die Gelassenheit im Umgang mit ihm lässt sich bei Fabritius sowohl biografisch als auch künstlerisch erklären: „Der Tod ist mein ständiger Begleiter – im Leben wie in der Kunst.“ 1940 stirbt sein Vater zusammen mit seinem Taufpaten bei einem Flugzeugunglück. Der kleine Gert ist sechs Monate alt. Mit seiner Mutter gehört der Gang zum Friedhof und das Betrachten der Kreuze, die er später in seinem Totentanz-Zyklus als „leer“ beschreiben wird, zur Lebenspraxis. „Mit dem Tod habe ich mich schon als Kind angefreundet.“ Mit fünf Jahren erlebt er weitere Tode – physische und psychische, denn nach dem Januar 1945 bleibt in Siebenbürgen kein Stein mehr auf dem anderen, und das wird sich bis zu seiner Ausreise in die Bundesrepublik nicht ändern. Deportation, Enteignung, die spätstalinistische Zeit mit ihren Schauprozessen, das Ceau{escu-Regime mit seinem Spitzelsystem und dem Denunziantentum, die Ausstellungsverbote hinterlassen Spuren (siehe ADZ 19.2.20, S. 3 und ADZ 20.2.20, S. 3). Trotzdem gibt es Oasen der Freiheit – Gert Fabritius entdeckt an der Kunstschule und später an der Kunstakademie in Klausenburg den Holzschnitt für sich und die gestalterische Freiheit, die dieser bietet: „Niemand konnte mich bei dieser Arbeit kontrollieren, was bei Radierung und Lithografie ganz anders aussah.“ Und es gibt Lichtblicke – Fabritius lernt beim Aktzeichnen die Schönheit des menschlichen Körpers kennen. Doch wie die großen Meister vor ihm erahnt auch er das Skelett hinter der Schönheit. 

In Klausenburg stößt er auf den „Totentanz zu Basel“ des berühmtesten zeitgenössischen Holzschneiders HAP Grieshaber. Das monumentale Werk mit den 40 tanzenden Paaren ist 1966 in einem Leipziger Verlag erschienen und in einer rumänischen Buchhandlung zu kaufen. Grieshabers Farbigkeit lässt den Tod zwar blass aussehen. Dennoch wird der Sensenmann wie in Ingmar Bergmans Film „Das siebente Siegel“ das Schachspiel gewinnen und die Tanzenden holen: „Wer war der Tor, wer Weiser, wer der Bettler oder Kaiser, ob arm, ob reich im Tode gleich“. 

Grieshabers Buch elektrisiert Gert Fabritius, ist er doch einer, der in seinem Leben schon längst mit dem Tod tanzt – aber noch nicht in der Kunst. Als er sich 1989 mit seinem Totentanz-Zyklus in die Tradition des aus dem Spätmittelalter bekannten „Danse macabre“ einreiht, ist er 49 und hat einiges erlebt: Ende der 70er Jahre kehrt er mit seiner Frau und seinen drei Töchtern Rumänien den Rücken und wagt einen Neuanfang in den deutschen Landen. Hier nimmt er die politischen und gesellschaftlichen Themen der Zeit wahr: Nukleare Waffen und Atomenergie bedrohen während des Kalten Krieges die Menschen. Sein Reigen mit dem Tod nimmt Fahrt auf: Die Holzschnitte „Tod und Waffe“ sowie „Tod und Atom“ entstehen, die ersten beiden Arbeiten seines Zyklus „Der Tod tanzt“. Doch das sind nicht die einzigen Probleme der Zeit – „das Ozonloch tanzt mit dem Tod / Trocken von Staub / Den Reigen hält / Von Pol zu Pol / Verbrannt Mensch, Tier, Wald und Land“. Das Wasser ist verseucht, die Wälder sterben. Der Tod „gibt nie auf, tanzt weiter, tanzt weiter mit Mann und Weib“ und nennt sich Aids. „Irrsinn“ passiert auf den Straßen und lässt Menschen in den Tod rasen. Den Himmel verpesten die metallenen Vögel, während hienieden „Macht thront“ und den Hunger der vielen, die Müllberge der wenigen ignoriert. Und am Ende wartet „unberührt“ der Friedhof mit seinen Kreuzen. Furios fegt Fabritius durch die Themen der 70er und 80er und will wachrütteln. Überall lauert der Tod – aber er kann nicht mehr tanzen, denn der Mensch macht ihm „das Tanzen schwer“. Es scheint, als würde der Tod bei Fabritius um seinen Reigen gebracht, wäre da nicht noch ein Holzschnitt: „Tod und Seele“. Dieser Holzschnitt wiegt die dreizehn düsteren Nachbarn auf. Zu erahnen ist, dass des Menschen „Anima“ Frieden gefunden hat: „Vom Wahn der Zeiten befreit / Tod und Seele bereit zum Sein des Seins“. Doch bevor sich dies ereignen kann, hat der Mensch viel zu tun. Erst dann tanzt die Seele „erlöst von uns durch den Tod“. Der Mensch hat sich selbst zum Zerstörer der Welt gemacht – und muss von sich selbst befreit werden: um seiner selbst und der Natur willen.

„Ich habe aus dem Totentanz etwas anderes gemacht, mich hat das Motiv ‚Vor dem Tod sind wir alle gleich!‘ nicht interessiert.“ – Gert Fabritius vollzieht mit seinen 14 Holzschnitten eine radikale Kehrtwende: Er macht aus dem Totentanz ein Politikum. „Bei mir gibt es keinen ‚Tod und der Ritter‘ oder ‚Tod und das Fräulein‘, sondern einen ‚Tod und die Bombe‘. Die Erfahrungen meines eigenen Lebens im Kontext meiner Umwelt waren ausschlaggebend – die Erkenntnis, dass das Leben einmalig ist, und wir mit der Welt und uns im Einklang leben müssen. Der Mensch hat wegen seiner Unachtsamkeit eine große Mitschuld an unserem heutigen Zustand.“

Ist unsere jetzige Lage verdient? Die Frage liegt nahe, ich stelle sie nicht gerne. Aber vor Gert Fabritius’ Antwort muss ich mich nicht fürchten: „Nein! Corona ist keine Strafe. Was ich heute beobachte ist das, worüber ich mich schon in den 80er empört habe: über die Unachtsamkeit und Respektlosigkeit vor dem Leben.“

Das Leben 

Fabritius Totentanz rückt das schöne Antlitz des Todes in den Vordergrund und offenbart die düstere Fratze des Menschen. Die Rollen scheinen vertauscht zu sein. Ohne zu moralisieren, zeigt er auf, dass vieles im Argen liegt. Unser Handeln ist gefragt. Auch heute. Fabritius Hoffnung lässt sich mit dem Satz seines philosophischen Mentors Albert Camus ausdrücken: „dass die Pest auch ihr Gutes hat, dass sie die Augen öffnet, dass sie zum Denken zwingt“.

Die Sterblichkeit, mit der wir derzeit konfrontiert werden, zeigt, wie fragil der Mensch ist – aber auch: wie fragil der Kosmos ist. Die großen gesellschaftlichen und politischen Themen sind noch immer ungelöst. Trotzdem: Wir sind in keinem Krieg, es gibt keine sichtbaren oder unsichtbaren Feinde. Ringsherum können wir uns mit allem anfreunden – in erster Linie mit uns selbst, unserer Umwelt, unserem Planeten. Wir können uns fragen, wie wir sterben wollen, und dafür sorgen, dass dieser letzte Wunsch beachtet wird. Wir können erkennen, dass das Motto „nach mir die Sintflut oder die Wüste“ keine tragfähige Lebensgrundlage bietet und weder uns noch unsere Nachkommen erfreuen kann. Dass dafür jeder seinen Beitrag leistet, daran appelliert Gert Fabritius in seinem „Zeitgenössischen Totentanz“. Trost ist: wenn sich das freundliche Antlitz des Todes im Leben zeigt. So gelingt der Reigen in den Tod, den der Holzschnitt „Tod und Seele“ einfängt. Ingmar Bergman inszeniert diesen Augenblick im grand finale seines Films „Das siebente Siegel“. Er ist nicht grauenerregend, er ist schön!

Schlusscoda

Den Briefroman „Trost“ von Thea Dorn habe ich in der Zwischenzeit zu Ende gelesen. Im letzten Brief heißt es: „Lieber Max, ich weiß jetzt, dass sich das Leben nur umarmen lässt, wenn ich bereit bin, auch den Tod zu umarmen. Ich weiß jetzt, warum der Mensch zwei Arme hat – damit er die größtmöglichen Widersprüche an seine Brust drücken kann: Leben und Tod; Festhalten und Loslassen; Kampf und Kapitulation; Rebellion und Ergebenheit.“


Der am 21. Februar 1940 in Bukarest geborene Künstler Gert Fabritius versteht sich als ein „Wanderer, der seine Heimat immer bei sich trägt“ (Hermannstädter Zeitung vom 7.2.20, S. 5). Seine Kindheit in Mühlbach/Sebe{ ist vom Krieg geprägt, die Ausbildungs-, Schul- und Studienzeit in Hermannstadt/Sibiu und Klausenburg/Cluj-Napoca fallen in die düsterste kommunistische Ära. Trotzdem trifft er auf Menschen, die sein Talent erkennen, ihn fördern und unterstützen. Ab 1968 arbeitet er bei einem Bukarester Museumsausstatter als Presse- und Buchillustrator. 1970 wird er Kulturreferent am neu gegründeten Schillerhaus. 1977 reist er mit seiner Familie in die Bundesrepublik Deutschland aus. Ab 1978 ist er – neben seiner Tätigkeit als freischaffender Künstler – auch Kunstlehrer am Heinrich-Heine-Gymnasium in Ostfildern. Seine Holzschnitte, Zeichnungen, Malereien und Installationen bereichern Sammlungen und Ausstellungen im In- und Ausland. 1997 erhält er den Lovis-Corinth-Sonderpreis, 2012 den Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreis.

 

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