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Manche mögen es einfach

Zu Besuch im Skansen-Feriendorf im Boroș-Tal

Wer als Tourist das Leben auf dem Land ausprobieren will, ist hier richtig.

Ein kleines Feriendorf im Boroș-Tal (siehe auch www.skanzen.ro)

Heuernte 2019 in Lunca de Jos Fotos: der Verfasser

Tschango-Volkstänze werden in einer ehemaligen Scheune aufgeführt.

Einblick in den ländlichen Alltag vor 100 Jahren

In der Gemeinde Lunca de Jos/Gyimesközéplok, Kreis Harghita, gelegen auf der DN 12A, Miercurea Ciuc - Comănești, gibt es seit rund zehn Jahren ein Feriendorf, das den Namen Skanzen trägt. Es kann als Bauernhofmuseum gelten, bietet aber die Möglichkeit, in den alten Häusern auch zu übernachten. 
Skansen (rum. Skanzen) ist ein hierzulande noch wenig bekannter Begriff. Er bezeichnet ein Freilichtmuseum, in dem der Besucher viel mehr unternehmen kann, als nur ausgestellte Objekte zu betrachten. 

Der Name kommt vom ältesten Freilichtmuseum der Welt, das 1891 in Stockholm seine Tore öffnete, um dem Publikum einen Einblick in die vor allem ländliche Lebensweise der Schweden aus verschiedenen Landesteilen zu gewähren, zumal die zunehmende Urbanisierung schon damals alte Traditionen, Handwerke, Häuser samt Möbel und Haushaltsgegenstände ins Vergessen zu verdrängen drohte. Das Konzept erwies sich als Publikumserfolg. In Aarhus („Den Gamle By“) , auf der Insel Fanř (beide in Dänemark) oder in Szentendre bei Budapest konnte ich sehen, wie das Leben der Menschen vor Jahrhunderten in unsere Tage versetzt wurde, wie ein lebendes Museum Touristen verschiedener Altersgruppen und sozialer Kategorien heranzuziehen und zu begeistern vermag. Auch in Rumänien gibt es Freilichtmuseen, die gut besucht sind - zum Beispiel das Dorfmuseum in Bukarest oder das Astra-Museum der traditionellen Volkskultur in Hermannstadt/Sibiu - mit Workshops und Messen, Folklore-Darbietungen und Festivals, die hohe Besucherzahlen aufweisen können. 

Authentisch bäuerlich 

Wer in Skanzen, Harghita, einige Tage verbringen will, verzichtet bewusst auf einiges, was ihm ein modernes Gästehaus oder ein Hotel an Komfort bieten könnte. Denn die meisten der 14 Zimmer sind noch so wie vor gut hundert Jahren eingerichtet: das heißt, es gibt kein Badezimmer, keinen Wasserhahn, keinen Fernseher, keine Toilette. Stromversorgung und neben den Gusseisenöfen mit Brennholz eine Zentralheizung mit Heizkörpern - die Gegend ist bekannt für ihr kühleres Klima - sind die einzigen Zugeständnisse an die moderne Zeit. Selbstverständlich können die Touristen auch duschen und die Toilette benutzen – jedoch in einem Gemeinschaftsbad, eingerichtet in einem eigens dafür umgestalteten alten Holzhaus.

Von Szabolcs Molnár, dem Tourismusmanager dieses kleinen originellen Feriendorfs, erfahre ich, wie es zur Gründung des Komplexes kommen konnte. Das Ehepaar István und Máriá Szász aus Miercurea Ciuc, beide große Liebhaber und Kenner der ungarischen Volkskunst, waren auf den ersten Blick verzaubert von dem zum Verkauf freistehenden Gelände im Boroș-Tal, von der Berglandschaft mit den steilen Abhängen, wo die Anwohner ihre Heu-Wintervorräte für ihr Vieh noch so wie ihre Vorfahren sichern. Das heißt, sie mähen das Gras und bringen es aufgestapelt auf einer von einem Pferd gezogenen, aus Ästen gebildeten großen Tragbahre hinunter ins Tal. Dort und in den anderen Tälern inmitten dieser zentralen Ostkarpatenregion standen auch alte Holzhäuser, manche noch in sehr gutem Zustand. Szász, Inhaber einer Baufirma, kaufte auch diese, denn das Herz schmerzte ihn, zu wissen, dass diese Häuser im Laufe des Modernisierungstrends einfach abgerissen und verschwinden würden. Da sie aus Holz gebaut waren, konnten sie stückweise, Balken für Balken, abmontiert und im Boroș-Tal wieder zusammengebaut werden. „Wie beim Lego-Spiel“, erinnert sich Molnár. So sammelten sich 14 Häuser an; hinzu kam auch eine Wassermühle als Zeugnis alter bäuerlicher Technik aus dem Gârbea-Tal, die funktionsfähig ist und wo auch Mehl für den Backofen des Feriendorfes gemahlen werden kann. Die meisten Häuser tragen den Namen des Herkunftsortes. Das ist in der Regel der Name des Tals, denn in dieser Berglandschaft gibt es praktisch keine Straßen, sondern nur Täler, insgesamt 52, mit Bauernhöfen. Die Gegend ist als „Land der Bäche“ bekannt, wobei  die Hütten oben auf der Alm während des Sommers heute immer seltener  noch bewirtschaftet werden. Einige Häuser tragen den weiblichen oder männlichen Vornamen des ehemaligen Besitzers – auch das als ein Dankeschön für die gebotene Möglichkeit, diese Kostbarkeiten nicht nur zu erhalten, sondern auch weiter zu nutzen. Das ist gleichzeitig die beste Voraussetzung für ihren Weiterbestand. 

Mit der auf einer Anhöhe von weitem zu erkennenden Kapelle verhält es sich etwas anders als mit den Häusern. „Noch verkauft kein Dorf seine Kapelle. Im Gegenteil: es werden neue errichtet. Und das ist auch ein gutes Zeichen“, sagt mein Gesprächspartner. So wurde aus altem Holz eine neue Kapelle gebaut, die aber wie eine alte aussieht. Es ist eine katholische Kapelle, wo Gottesdienste abgehalten werden, vor allem aber Hochzeiten, wobei nicht nur katholische Paare dort den Bund fürs Leben schließen. Eine alte, aber modern hergerichtete Scheune dient nun als Gaststätte samt eigener Küche und kann bei Familien- oder Betriebsfeiern rund 150 Gästen sowie Touristen alles an Speisen und Getränken bieten, was diese Gegend vorzuweisen hat. Der große Speisesaal gilt auch als Tanzsaal, wobei die Volkstänze der Tschangos von Tanzpaaren aus der Region vorgeführt werden, unter Musikbegleitung eines Trios: eine junge Tierärztin, ein in der Schweiz geborener, aber in der Gegend angesiedelter Ungar und Szabolcs Molnár, der auch die Moderation dieser Aufführungen mit Erklärungen der Tänze und der Trachten auf Ungarisch, Rumänisch oder Englisch übernimmt.

Die Heimat der Tschangos

Im als Museum eingerichteten Haus stellt Molnár anhand von Möbelstücken, Werkzeugen, alten Fotos und Haushaltsgegenständen die Lebensweise und Geschichte der Tschangos vor. Die Gegenstände stammen aus den umgesiedelten Häusern, konnten dort aber nicht bleiben, weil auf die Küche verzichtet wurde oder weil einfach nicht genügend Platz vorhanden war. So erfahren die Besucher, dass in dieser ehemaligen Grenzregion zur Moldau die Tschangos als Grenzschützer angesiedelt wurden und nach militärisch anmutenden Regeln organisiert waren. Ihr Brauchtum, ihre Trachten, ihre Lieder, ihr Dialekt unterscheiden sie von den Szeklern. Diese Bergbauern bezeichnen sich selbst als die „echten Tschangos“, weil jenseits der Karpaten, in der Moldau, aber auch in manchen Burzenländer Gemeinden und in den Siebendörfern auch andere ungarische Volksgruppen denselben Namen tragen. 

Von den vielen Infos und Details zur Region und ihren Einwohnern sei hier nur eine Kuriosität erwähnt: Sie betrifft die recht bescheidenen Dimensionen der Betten. Im Mittelalter seien die Leute eigentlich nicht viel kleiner als heute gewesen. Unser Reiseführer hat hierfür zwei Erklärungsvarianten. Die eine steht in Zusammenhang mit einem Aberglauben: Menschen, die ausgestreckt schlafen, erinnern an Tote im Sarg und das sei nicht gut. Die zweite besagt, dass in einem kleinen Bett nicht so tief geschlafen wird und man so früher leichter aufspringen konnte, wenn Raubtiere die Herde nachts angriffen oder andere Gefahren drohten.
Die Touristen schlafen heute gut in den einfachen, aber gesunden Betten. Keine Umweltverschmutzung, saubere Luft, sternenklare Nächte, Ruhe und zwölf gastfreundliche Mitarbeiter sind Empfehlungen für einen Aufenthalt in diesem lebenden Museum. Hinzu kommen Wandermöglichkeiten in der Umgebung, zum Beispiel zur „tausendjährigen Grenze“ in den Ostkarpaten, heute die Grenze der Landkreise Harghita in Transilvanien und Bacău in der Moldau. Die meisten Touristengruppen kommen aus siebenbürgischen Großstädten wie Klausenburg/Cluj-Napoca, Neumarkt/ Târgu Mureș, Kronstadt/Brașov und aus Ungarn, zunehmend wächst auch das Interesse der Bukarester für diese etwas andere Unterkunftsmöglichkeit. „Niemand hat es bisher bereut, uns zu besuchen“, versichert Szabolcs Molnár. 

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