Roca Brună

Ein Anwalt und ein junger Starkoch schreiben Geschichte

Eine Villa aus dem 20. Jahrhundert als Schauplatz für kreatives Kochen auf hohem Niveau
Fotos: der Verfasser

Weinanbau ist eine Tradition in Paulisch. Auch Roca Brun˛ möchte an diese Tradition anknüpfen und sie fortsetzen.

Villa Luisa gehörte einem österreichisch-ungarischen Aristokraten. Sie diente als Jagdhaus. Die Umgebung rund um das Haus ist auch für Kinder eine Attraktion.

Kleines Sommerhaus im Garten mit Freiluft-Küche für die Sommermonate. Das Menü wird der Jahreszeit angepasst.

Eine Pilgerstätte für Feinschmecker, ein Traum für überarbeitete Städter, die am Wochenende eine Stadtflucht im großen Stil begehen möchten: Roca Brună. Der Name pure Fiktion. Keine Legenden umspinnen die fast hundert Jahre alte Villa in der Nähe der Gemeinde Paulisch, Kreis Arad, und wenn, haben sie nichts mit dem heutigen Restaurant zu tun, welches dank des Fünf-Sterne-Essens selbst Geschichte schreibt. Das, obwohl Roca Brună in seiner heutigen Form nicht einmal fünf Jahre alt ist. 

Eins ist gewiss: Selbst der österreichisch-ungarische Aristokrat, dem die Villa Anfang des 20. Jahrhunderts gehörte und der sie als Jagdhaus verwendete, würde heute dort speisen wollen. Der Grund ist Roca Brunăs Koch, Raul Vidican. Dank seiner kulinarischen Kreationen kommen inzwischen Besucher aus allen Ecken des Landes. Trotz Corona-Pandemie und obwohl die Villa abseits der Zivilisation liegt, gab es für Dan Cristian Ancas Restaurant keinen freien Tag. Roca Brunăs Eigentümer kaufte das alte Anwesen für fast eine halbe Million Euro und versuchte die Villa so wieder aufzubauen, wie sie ursprünglich ausgesehen hatte. Alte Postkarten und Dokumente, die aus dieser Zeit geblieben sind, dienten als Inspiration. Die harte Arbeit kann sich sehen lassen: Verschlungene Treppen führen zur Villa, die auf einer Anhöhe liegt, umgeben von Wäldern. Es fühlt sich tatsächlich wie ein Zeitsprung an. Natürlich erinnern Anachronismen gleich wieder daran, dass inzwischen mehr als ein Jahrhundert vergangen ist, seitdem die Villa gebaut wurde. 

Aber die nette Kulisse und das überragende Essen machen einen Besuch unvergesslich und verleihen Roca Brună Eigencharakter.

Junger Starkoch

Raul Vidican hat als Koch in Deutschland gearbeitet, hat es 2018 in das Halbfinale des weltweit bedeutendsten Wettbewerbs für junge Köche, dem S. Pellegrino Young Chef, geschafft. Gleich danach verschlug es ihn zurück nach Hause. Der Grund war Roca Brună - eine eigene Küche nahe Zuhause für Vidican, wo er sein Talent ausschöpfen kann. So wie viele weltberühmte Köche setzt auch er auf eine Sache besonders: Die Zutaten müssen frisch und lokal sein. Das Menü ist überschaubar und ändert sich je nach Jahreszeit. 

Die Preise sind gepfeffert, zeugen aber von Selbstbewusstsein. Sowohl Vidican als auch Dan Cristian Anca wissen, was sie zu bieten haben. Man zahlt nicht für bewährte Rezepte, deren Ursprünge in Österreich, Ungarn oder der Türkei liegen, sondern für Eigenkreationen. Bei dem Risotto, das ein Highlight in den Wintermonaten ist, würde der eine oder andere Purist die Augenbraue heben. Doch zumindest kann man dem Koch anrechnen, dass er mit seinem Risotto allen Köchen in Arad und Temesch die Schau stiehlt. Es gibt kein besseres. 

Darum speisen am Wochenende meistens Temeswarer in Roca Brună. Für das hervorragende Essen nehmen sie fast eine Stunde Autofahrt in Kauf. Ein netter Tagesausflug mit Freunden oder der Familie und kaum einer bereut den Besuch. Aber auch aus Klausenburg/Cluj-Napoca, Großwardein/Ora-dea und sogar Bukarest kommen Besucher. Ein Grund, weshalb Anca auch Gästezimmer einrichten will, um aus Roca Brună ein Restaurant mit Pension zu machen. 

Eine Chance für den Tourismus

Die Gegend hat Tourismuspotenzial. Gleich um die Ecke liegt der Wallfahrtsort Maria Radna und die Șoimoș-Festung. Dort beginnt auch das Apuseni-Gebirge. Viele Höhlen und Schluchten können besichtigt werden. Roca Brună hat zudem einen Weinkeller und man möchte auch selbst Wein anbauen, eben um weiterhin die Linie zu bewahren, dass alles lokal kultiviert wird. Der Ort Paulisch wurde durch den Weinbau bekannt. Es war eine reiche Gemeinde – das Überbleibsel, eine Handvoll Villen, ist Zeugnis davon.  Roca Brună zieht viele Touristen an, die sonst nie die Gegend besucht hätten. Es bietet eine Chance, so wie Maria Radna und die anderen Sehenswürdigkeiten auch, die Region für den Tourismus zu entwickeln.  Momentan ist dies für Dan Cristian Anca jedoch nicht ausschlaggebend. Sein Restaurant läuft und es läuft gut. Die wichtigsten Zutaten für diesen Erfolg kennt der Ex-Anwalt: Das Essen und die Atmosphäre müssen überragen. 

Doch an seinen Erfolg können andere anknüpfen und aus der „Erfolgsgeschichte Roca Brună” lernen. 

Sollte die lokale Verwaltung es schaffen, diese Tourismus-Inseln zusammenzubringen, könnte dies einen Neustart für die Gemeinden bedeuten. Das betrifft auch die Stadt Lippa. 

Anca wartet nicht auf den fehlenden Tatdrang der örtlichen Verwaltung. Er baut das Angebot für Kinder und Familien aus. Neben den geplanten Gästezimmern hat er einen Spielplatz für Kinder eingerichtet, zudem sollen Fahrradrouten in der Nähe, vielleicht sogar mit Leihfahrrädern, weitere Touristen anlocken, die mehr als bloß essen möchten. Ob wirklich notwendig, ist fraglich. Spielplätze sind immer willkommen. Jedoch könnten andere Aktivitäten von der Hauptattraktion, dem Essen, ablenken. Und es ist nicht so, dass das Geschäft nicht boomt.

Das nächste Michelin-Restaurant

Seit 2019 läuft es gut für Dan Cristian Anca und Raul Vidican. Es war ein Erfolg vom ersten Tag an. Rund 200 Gäste kamen zur Eröffnung. An Wochenenden ist es immer voll. Das Problem ist eher, dass oft nicht genügend Tische vorhanden sind. Daran arbeitet Anca und freut sich auf die Sommermonate, besonders aufgrund der Pandemie. 
Roca Brună ist eine Erfolgsgeschichte, wie man sie aus dem Ausland kennt und hört. Von anfangs vielleicht unscheinbaren Restaurants, wo ein Starkoch geboren wird. Die geografische Lage spielt dann oft keine Rolle mehr. Wenn das Essen gut ist, wenn es zur Sensation wird, dann wird auch das Restaurant zur Pilgerstätte für Gourmands. Im Land zumindest hat es sich inzwischen herumgesprochen, dass im Zarand-Gebirge, im Kreuztal, unweit von Maria Radna, nahe Paulisch, wo einst die Rumänen heldenhaft gegen die Nazibesatzung kämpften, wo Wein im großen Stil angebaut wurde, eine kleine Villa in ein Restaurant umgewandelt wurde. Ein Restaurant, welches auf dem Weg ist, Geschichte zu schreiben, dank eines jungen, aufstrebenden Kochs, der im Ausland erste Erfahrungen sammelte, aber dann, so wie viele der Großen, nach Hause zurückkehrte, um eigene Wege einzuschlagen. 

Und manchmal ist es genau das, was ein Ort wie Paulisch, wie Radna, wie Lippa braucht: neue Geschichten und Geschichtsschreiber. 
 

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