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„Verschwinden“: Chronik einer sächsischen Familie aus Siebenbürgen

Uraufführung des neuesten Stückes von Elise Wilk im „Studio Yorick“ in Neumarkt

Aba Sebestyén und Edina Bajkó Foto: Tamás Cseke

Wie vom Erdboden verschluckt oder von einem Radiergummi ausgelöscht, so verschwinden sie nach und nach: die Familienmitglieder, die Nachbarn, Klassenkollegen und schließlich auch die beste Freundin. Es sind so viele, dass es nach einer Weile nicht mehr weh tut, man gewöhnt sich an das Verschwinden. Später kommen Briefe, Pakete, Postkarten… von den Verschwundenen, die eigentlich alle nach Deutschland ausgewandert sind.In ihrem jüngsten Stück schreibt die Kronstädter Dramatikerin Elise Wilk über Auswanderung und Migration, ein Thema, das sie aus nächster Nähe kennt. „Verschwinden“ ist die Chronik der letzten 60 Jahre einer sächsischen Familie aus Siebenbürgen, mit Protagonisten, die uns sehr bekannt vorkommen, wie die dagebliebene Tante oder der geflüchtete, seit vielen Jahren in Deutschland lebende Onkel. Das Stück ist im Auftrag des unabhängigen Theaters „Studio Yorick“ in Neumarkt, im Rahmen eines interkulturellen Projektes entstanden, geschrieben wurde es in rumänischer Sprache, gespielt wird das Theaterstück in ungarischer Sprache. Die Uraufführung fand am Mittwoch, dem 18. September, statt, eine weitere Vorstellung folgte am 19. September. Eine Drehbühne, ausgestattet von der jungen Bühnenbildnerin Beáta Sós, ermöglicht es, durch die Zeit zu reisen und die bewegende Geschichte dieser Familie kennenzulernen. So können wir die angespannte Stimmung der auf den Koffer sitzenden Sachsen fühlen, die vor der Wende auf ihre Ausreisegenehmigung warten, etwas über die dramatischen Ereignisse von 1945 und der Russlanddeportation erfahren und einem Familientreffen im Beitrittsjahr Rumäniens zur EU 2007 beiwohnen. Zu spüren ist die Kluft zwischen den Ausgewanderten und den Dagebliebenen, Lügen und Missverständnisse vergiften die Beziehungen in der Familie. Regie führte der in Kronstadt geborene Schauspieler und Regisseur Aba Sebestyén, Gründer des „Studio Yorick“, der als Kind und Jugendlicher Zeuge der Auswanderung der Siebenbürger Sachsen war. Anders als die jungen ungarischen Schauspieler, Absolventen der Theaterhochschule aus Neumarkt, für die das Thema völlig unbekannt war. Erst durch die Arbeit am Theaterstück haben sie über Deportation und Auswanderung der Siebenbürger Sachsen erfahren. Vielen aus dem Publikum wird es ähnlich gehen, denn über die Geschichte der Siebenbürger Sachsen wird in der Schule nicht viel unterrichtet. Die Hauptrolle wird von der Schauspielerin Enikö Szilágyi gespielt, die dem rumänischen Publikum besonders durch ihre Rollen in Filmproduktionen aus den 80er Jahren bekannt ist. Sie selbst ist 1989 aus Rumänien ausgewandert und lebt heute in Paris.„Verschwinden“ ist ein Stück, das zum interkulturellen Dialog beitragen soll, wie viele andere zeitgenössische Theaterstücke, die in den letzten Jahren richtungsweisend vom „Studio Yorick“ aufgeführt wurden. Auch wenn das Theater keine Lösungen und Rezepte für das nicht immer unproblematische Zusammenleben von Rumänen, Ungarn und Deutschen geben kann, bringt es die Leute zusammen und die Verwendung von Übertiteln ermöglicht es, dass jeder die Theaterstücke in seiner Muttersprache genießen kann.

Es treten auf: Enikö Szilágyi, Edina Bajkó, David Scurtu, János Szilárd Szabó, Zsófia Tóth und  Aba Sebestyén sowie die Musiker Katalin Domahidi und András Vilhelem. Das Stück wurde von Maria Albert ins Ungarische übersetzt. Die nächsten Vorstellungen finden am 7. und 13. Oktober in Neumarkt („Yorick Studio“ in der Metzgerbastei) und am 14. Oktober in Niklasmarkt/Gheorgheni (Theater „Figura Studio“) im Rahmen des Kolloquiums der Theater der Minderheiten statt.

 

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