Verstörende Bilder des Grauens

Bildband von Radu Ioanid über das Pogrom in Jassy 1941

Die rumänische Fassung erschien 2014 im Verlag Curtea veche.

Dieser Band wurde 2014 in Rumänien publiziert, es folgte eine englische Ausgabe 2017. Nun brachte der Wallstein-Verlag eine deutsche Ausgabe heraus, die Übersetzung aus dem Englischen erstellte Hans Freundl. Der Band beginnt mit einem kurzen Vorwort des Schriftstellers Elie Wiesel, der 1944 aus dem Norden Rumäniens nach Au-schwitz deportiert worden war. Er hebt hervor, dass an den Massenmorden von Jassy/Iași rumänische und deutsche Soldaten beteiligt waren. In der Einleitung stellt Alexandru Florian, der Direktor des Elie-Wiesel-Instituts zur Erforschung des Holocaust in Rumänien, die Entstehung des Bildbandes dar. Sein Institut hatte 2011 zum 70. Jahrestag des Pogroms eine Ausstellung in Jassy zur Erinnerung an die Opfer organisiert. Es war die erste große Ausstellung zu diesem Thema. In der kommunistischen Ära wurde das Großverbrechen deutschen Faschisten angelastet. Nach 1990 gab es viele rumänische Politiker und Historiker, die das Ausmaß dieses Verbrechens leugneten. Erst seit dem Bericht der Internationalen Historikerkommission von 2004 akzeptierte die rumänische Regierung, dass dort 1941 über 13.000 Opfer zu Tode kamen. Mitarbeiter des staatlichen Instituts aus Bukarest, das Florian leitet, fanden im Herbst 2010 in einem Wald bei Jassy auch eines der vielen Gräber, in denen damals jüdische Opfer verscharrt wurden. 

In der editorischen Notiz wird angegeben, dass dieses Pogrom das Ereignis in der Geschichte des rumänischen Holocaust ist, das am besten dokumentiert ist. Im Fotoarchiv des United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) befinden sich 112 Aufnahmen. Viele stammen von deutschen Soldaten. Rumänische Soldaten hatten keine Kameras. Nur der Geheimdienst SSI (Serviciul Special de Informații) und die Zweite Abteilung des Generalstabs erstellten ebenfalls Fotos. Diese befinden sich heute im Archiv des Nationalen Rats für das Studium des Archivs der Securitate (CNSAS). 1941 erwarb ein Mitarbeiter der US-Gesandtschaft in Bukarest in einem Fotogeschäft Bilder von einem Zug aus Jassy mit Todesopfern, diese befinden sich in der National Archives and Records Administration in College Park, Maryland. Weitere Fotos sammelte seit 1941 Matatias Carp, der Sekretär der Föderation jüdischer Gemeinden Rumäniens. Er publizierte sie 1948 im zweiten Band des „Schwarzbuches“ (Cartea neagră).
Radu Ioanid vom Holocaust Museum in Washington (USHMM) analysiert in zehn Seiten die Ursachen und den Ablauf des Pogroms. In der Stadt Jassy im Nordosten Rumäniens gab es eine lange antisemitische Tradition. An der dortigen Hochschule wirkte der Professor Alexandru C. Cuza, der 1923 die Liga zur National-Christlichen Verteidigung gründete. Von ihr spaltete sich 1927 die Legion des Erzengels Mihai ab. Diese von Corneliu Codreanu geführte Organisation nannte sich seit 1930 Eiserne Garde und bekam seit der Weltwirtschaftskrise viele Anhänger. 1930 hatte Jassy 111.669 Einwohner, davon waren 35.465 Juden. Da Bessarabien seit Juni 1940 von der Sowjetunion okkupiert war, befand sich Jassy bei Beginn des Angriffes auf die Sowjetunion im Aufmarschgebiet der rumänischen und deutschen Einheiten. Am 24. und 26. Juni bombardierten sowjetische Flugzeuge die Stadt. Beim zweiten Angriff gab es Hunderte Tote und Verletzte.

Ein Feldwebel, der zur Eisernen Garde gehört hatte, erschoss am 27. Juni fünf Juden, die er zu Saboteuren erklärt hatte. Danach tauchten frischgedruckte Plakate auf, mit dem Aufruf: „Rumänen! Mit jedem jidan (pejorativ für Juden) den ihr tötet, liquidiert ihr auch einen Kommunisten. Der Tag der Rache ist gekommen“ (S. 4). In der Nacht vom 28. auf den 29. Juni begann das Pogrom: Rumänische Soldaten, angeführt von einheimischen Zivilisten, überfielen jüdische Häuser und Wohnungen. Dabei wurde geplündert und gemordet. Der Polizeiinspektor meldete nach Bukarest, dass Juden Soldaten angegriffen hätten. Die Juden würden nun zur Überprüfung ins Polizeipräsidium gebracht. Nur wenige Rumänen versteckten Juden. Im Präsidium wurden die meisten Frauen und Kinder bald entlassen. Im Hof warteten mehrere Tausend Juden, als Schüsse in die Menge abgegeben wurden. Einige Juden versuchten in Panik, über die Mauern zu entkommen, und wurden erschossen. Wie viele Juden dort umkamen, ist amtlich nicht festgehalten worden (S. 8). Die rund 2500 Überlebenden wurden zum Bahnhof getrieben und mit zwei Lastzügen fortgeschafft. In jeden Waggon wurden zwischen 80 und 200 Personen gedrängt, die Wachmannschaft schloss die wenigen Belüftungsöffnungen. Da es keine Anweisung vom Innenministerium gab, was mit diesen Juden geschehen sollte, fuhr der erste Zug sechs Tage bei glühender Hitze im Umfeld von Jassy hin und her. Viele Juden verloren das Bewusstsein und starben. In Târgu Frumos untersagte ein deutscher Hauptmann das Öffnen der Waggons. Nur Leichen durften ausgeladen werden. Die Wachmannschaft erlaubte den Juden bei den Zwischenaufenthalten nicht, Wasser zu trinken. Die das aus Pfützen versuchten, wurden erschossen. (S. 11)

In der Stadt Roman verfügte ein General des Generalstabs die Entfernung der Leichen. Dort durften einige Frauen vom Rumänischen Roten Kreuz und Militärärzte die Juden versorgen, doch der Zug musste bald weiterfahren. Er kam am 6. Juli in Călărași an, von den über 2530 Passagieren lebten nur noch 1400 und einige starben danach. Im zweiten Zug mit 1902 Juden starben bis zur Ankunft in Podul Iloaiei 1194 Juden. Ein Bericht des Geheimdienstes SSI vermerkte insgesamt 13.266 Opfer, darunter waren 40 Frauen und 180 Kinder. Deren Namen hatten Hinterbliebene und Nachbarn in den Synagogen eingetragen (S. 13). In einer Presseerklärung des Büros des Ministerrats vom 1. Juli wurde behauptet, dass die Sowjets versuchen würden, Sabotageakte zu organisieren. „Ungefähr 500 Juden und Kommunisten, die auf rumänische und deutsche Soldaten geschossen hatten, wurden in Jassy hingerichtet.“ (S. 14) 

Der Band beginnt mit dem Foto von einem Bankett zu Ehren von Chaim Weizmann in Jassy von 1927. Es folgt ein Bild von Juden, die am 25. Juni 1941 am Jüdischen Friedhof riesige Gräben ausheben mussten. Dorthin wurden später die vielen Leichen gebracht. 23 Bilder zeigen Juden, die nach der Verhaftung durch die Stadt getrieben wurden oder bereits ermordet worden waren. Auf 56 Fotos sieht man das Abladen der Leichen aus den Todeszügen und gelegentlich auch einige Überlebende. Das sind verstörende Bilder des Grauens, die man nicht lange betrachten kann. Es folgen vier Fotos vom Prozess gegen die Täter im Juni 1948. Zu langen Haftstrafen wurden Angehörige der Armee, des Geheimdienstes SSI und der Polizei verurteilt. Der Band endet mit 39 Aufnahmen von den ermordeten Juden aus friedlichen Jahren. Häufig werden ihre Berufe angegeben, es waren zumeist Leute aus der Mittelschicht. Besonders diese Bilder machen dem Betrachter die Dimension des zerstörten Lebens deutlich.


Radu Ioanid: Das Iași-Pogrom Juni-Juli 1941. Eine Fotodokumentation aus dem Holocaust in Rumänien, Göttingen Wallstein Verlag 2019, 179 S., ISBN 978-3-8353-3449-6.
 

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