Wenn Narren um Christi willen malen

Ungewöhnliche Bilder naiver Kirchenkunst aus Rumänien

Die ins Gebet versunkene Gottesmutter und der gekreuzigte Christus zwischen den Kathedralen von Karlsburg: der orthodoxen und der katholischen. Fotos: Jürgen Henkel

Symbolbild einer im byzantinischen Stil errichteten orthodoxen Kathedrale. Die Darstellung erinnert an die Kathedralen von Karlsburg oder auch Curtea de Argeș.

Die Gottesmutter mit dem Christuskind im Arm haben sich die rumänische orthodoxe Kathedrale von Karlsburg zum Thron erwählt.

Der evangelische bayerische Pfarrer Dr. Jürgen Henkel leitete von 2003 bis 2008 die Evangelische Akademie Siebenbürgen. In seinem Pfarrbüro in Selb hängen bis heute drei ungewöhnliche Bilder, die ihn an Rumänien erinnern und die Besuchern für gewöhnlich sofort ins Auge fallen. Was fast wie Kindergekritzel aussieht, sind ganz besondere Zeichnungen, die der naiven orthodoxen Kirchenkunst zuzurechnen sind. Ein Mönch aus Rumänien, der zu den „Narren um Christi willen“ zählt, hat diese gemalt.

Die „Narren um Christi willen“ sind eine ganz besondere Art christlicher Asketen, die es in orthodoxen Ländern seit Byzanz bis heute gibt. Sie führen sich zurück auf das Wort des Apostels Paulus: „Wir sind Narren um Christi willen“, das dieser an die Gemeinde in Korinth richtet (1. Korinther 4, 10). „Paulus weist immer wieder darauf hin, dass das Wort vom Kreuz den Weisen dieser Welt als Torheit erscheint. Für ihn ist klar, dass die christliche Glaubenswahrheit nicht mit der menschlichen Vernunft verstanden, sondern nur im Licht des Glaubens in Herz und Seele erfasst werden kann. Die Narren für Christus setzen diese Abkehr von der weltlichen Weisheit in einem höchst unkonventionellen Lebensstil für sich selbst um“, erläutert Pfarrer Henkel.

Jesus selbst dankt seinem himmlischen Vater dafür, dass er sich nicht Klugen und Weisen, sondern Unmündigen offenbart hat (Matthäus 11, 25). Ein Online-Heiligenlexikon beschreibt die Idee der „Narren für Christus“ mit den Worten: „Der Christ soll auf Erden wandeln, als trüge er eine Narrenkappe, und sich dabei von den auf Weltliches ausgerichteten normalen Menschen verlachen und verspotten lassen.“ Passend dazu verkündet Jesus gleich in der ersten seiner Seligpreisungen: „Selig sind, die da geistlich arm sind, denn ihrer ist das Himmelreich.“ (Matthäus 5, 3)

Diese biblischen Motive haben Menschen zu einem Leben angeleitet, das sich den gesellschaftlichen Konventionen radikal verweigert. Solche „Narren um Christi willen“ haben keine feste Bleibe und leben in einer Weise, die normalen Menschen absonderlich erscheinen muss. Das ungewöhnliche Verhalten äußert sich unter anderem in Hüpfen, Tanzen, Hinken, Torkeln oder Hopsen im Beisein anderer Menschen. Ein „Narr Christi“ redet verworrene Dinge oder kleidet sich in Lumpen, um seine bürgerliche Umwelt mit der Andersartigkeit des Reiches Gottes zu provozieren. Wenn er alleine ist, lebt der Narr in Christus dann wie ein Heiliger in Gebet, Meditation und Fasten. An Sonn- und Feiertagen nimmt er an Gottesdiensten teil, er entzieht sich niemals der kirchlichen Gemeinschaft.

Pfarrer Henkel sieht in den Narren für Christus „wundersame Kauze und christliche Aussteiger aus Überzeugung“. Einer davon, der im Umfeld der orthodoxen Kathedrale von Karlsburg/Alba Iulia in Siebenbürgen lebt, zeichnet mit Bleistiften und Buntstiften in irrsinnigem Tempo solche großformatige Bilder von 50 bis 70 Zentimeter Ausmaß. „Dieser Mönch vagabundiert wie ein Bettelmönch des Mittelalters umher. Und wenn ihn der Rappel packt, zückt er Papier und Stifte und wirbelt in zehn bis fünfzehn Minuten so ein Bild aufs Papier.“ Drei davon schmücken das Pfarrbüro von Pfarrer Henkel. Er weiß nicht einmal, wie dieser Mönch und Künstler heißt. Das ist aber irrelevant wie bei Ikonen: Nur die Botschaft zählt, nicht der Künstler.

Die Bilder sind finanziell nicht wertvoll, aber trotz ihrer naiven Malkunst höchst ausdrucksstark. Der Mönch baut Details von realen Kirchen ein. Die Bilder im Erkersreuther Pfarrbüro zeigen die beiden Kathedralen von Karlsburg: die orthodoxe Kathedrale im byzantinischen Stil und den römisch-katholischen Dom. Kreuze und Kuppeln, Säulen und Bögen, Türme und Treppen der Kirchen sind zu erkennen. An Glaubensmotiven tauchen immer wieder Szenen der Gottesmutter mit dem Christuskind auf, wie sie in der orthodoxen Kunst auch auf klassischen Holz- oder Hinterglasikonen weit verbreitet sind, oder auch Motive des gekreuzigten Christus. Wobei sich der künstlerische Stil der Zeichnungen deutlich von Ikonen unterscheidet, die sehr strengen formalen Regeln folgen.

Pfarrer Henkel hat die Bilder von dem rumänischen orthodoxen Metropoliten Serafim von Deutschland, Zentral- und Nordeuropa aus Nürnberg geschenkt bekommen. Der Mönch hatte sie dem Erzbischof bei einer Begegnung in Karlsburg überlassen. Der Metropolit sollte diese jemand schenken, der Liebe zur Orthodoxie empfindet. Der Mönchskünstler suchte schließlich ohne jede Vorankündigung oder Terminvereinbarung Pfarrer Henkel in Hermannstadt auf, als dieser noch die Evangelische Akademie Siebenbürgen leitete. „Er traf meine Frau und mich an und segnete uns herzlich. Es ist toll, dass es solche ganz besonderen Christen heute noch gibt“, fasst Pfarrer Henkel seinen Eindruck von diesem Treffen zusammen.

Die persönliche Lieblingsheilige des Erkersreuther Pfarrers aus dem Kreis der „Narren für Christus“ ist die heilige Xenia von Sankt Petersburg der Russischen Orthodoxen Kirche. Sie wurde um 1730 geboren und starb 1803. Die 26-jährig verwitwete wohlhabende Frau verschenkte ihren Besitz an Arme. Sie wanderte durch die Armenviertel der Stadt, schlief wenig, betete viel und vollbrachte Wunder – als „Närrin in Christus“ geschmäht oder verehrt. Und sie trug nachts nach ihren Gebeten Baumaterial und schwere Steine auf Baustellen von Kirchenbauten bis auf höchste Gerüste, um den Arbeitern beim Bau von Kirchen zu helfen.

 

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