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„Wir sind alle Botschafter dessen, was wir lieben“

Junge Journalisten erleben die politischen Entwicklungen in Katalonien aus nächster Nähe

Pressekonferenz mit Kataloniens Aussenminister Alfred Bosch (2 v.r.) und Diplocat-Generalsekretärin Laura Foraster (r).

Treffen mit dem katalonischen Präsidenten Quim Torra.

Als einer von vielen Höhepunkten der „Diada“ wurde eine gigantische katalanische Flagge über den versammelten Menschen von einem zum anderen Ende der „Rally" weitergereicht.

Die Großdemo war am Tag nach der „Diada“ auf sämtlichen Titelseiten der katalonischen Zeitungen.

Die MIDAS- Journalistengruppe: (v.l.) Katrin Niedermair (Südtirol, deutsche Minderheit), Vesna Pahor (Italien, slovenisch), Diplocat-Pressedirektor Martí Estruch, Andras Nagy (Slowakei, ungarisch), Björn Nyberg (Finnland, schwedisch), Robert Vickström (Finnland, schwedisch) und Orsolya Sarany (Klausenburg/Cluj-Napoca, ungarisch).

Abschieds-Abendessen mit den Journalisten Montserrat Radigales und Andreu Claret (ganz rechts) im „geheimen Restaurant“ einer Malerin und gewesenen Journalistin. Fotos: Petra Acker

Die jährliche Studienreise der MIDAS-Organisation (Europäische Vereinigung von Tageszeitungen in Minderheiten- und Regionalsprachen) brachte kürzlich acht Journalisten als Vertreter von Zeitungen in Minderheitensprachen aus verschiedenen EU-Ländern nach Barcelona.Vier spannende Tage durften sie in der katalanischen Hauptstadt verbringen und bekamen dabei einen tiefen Einblick in die lokale Politik, die Gemeinschaft, Kultur, Zeitungslandschaft, Geschichte und nicht zuletzt die Gastronomie.
Organisiert wurde die Reise in Zusammenarbeit mit Diplocat, dem Öffentlichen Rat für Diplomatie in Katalonien, der den neugierigen Zeitungsschreibern durch Presse- und Kommunikationsdirektor Martí Estruch den perfekten „Entdeckungsreiseleiter“ mit auf den Weg gab. Diplocat ist eine öffentlich-private Organisation, deren Ziel es ist, Katalonien durch Beziehungen, Ideen und Projekte zwischen öffentlichen und privaten Institutionen mit dem internationalen Raum in Verbindung zu setzen, um einen geltenden Beitrag zum Weltgeschehen zu leisten.

Katalonien ist eine geschichtlich-kulturelle, autonome Region mit eigener Regierung, steht aber trotzdem unter der Herrschaft Spaniens, auch wirtschaftlich – etwa 30 Prozent der in Katalonien eingenommenen Steuern können von der Region verwaltet werden. Geografisch ist sie etwas größer als Belgien, mit einer Einwohnerzahl von etwa 7,6 Millionen mit der Schweiz gleichzusetzen. Die Menschen hier sind allgemein als sehr friedliebend, offen und herzlich bekannt, was während der vier Tage immer wieder deutlich wurde.

Gleich am Abend der ersten Begegnung gab es ein Treffen mit einer der politisch prominenten Persönlichkeiten Barcelonas, Elisenda Paluzie. Zurzeit ist sie Direktorin des Instituts für Wirtschaftsanalyse und Sozialpolitik, seit 2018 auch Präsidentin der Assemblea Nacional Catalana, einer separatistischen Bürgerbewegung, deren Ziel die Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien ist. Sie übernahm damals den Vorsitz von Jordi Sanchez, der zusammen mit weiteren acht Politikern wegen angeblicher Stiftung zur Aufruhr innerhalb einer Unabhängigkeitsbewegung verhaftet worden ist. Die Unabhängigkeit ist seit Jahren ein sehr lebendiges Thema und ein großer Wunsch vieler Katalonier, vor allem um den 11. September herum, dem Tag, an dem die „Diada“, der Nationalfeiertag, mit einer Großdemonstration im Zentrum der Stadt begangen wird. Seit 2017 ist diese Versammlung von Hunderttausenden von Menschen nicht mehr nur ein Manifest der Unabhängigkeit, sondern vielmehr ein Aufruf zur Gerechtigkeit den politischen Gefangenen gegenüber: Wie selten in der internationalen Presse erwähnt, haben die neun Politiker zwei Jahre in Untersuchungshaft verbracht, weil sie im September 2017 ein von den spanischen Behörden als illegal eingestuftes Referendum zur Unabhängigkeit organisiert hatten. Weitere drei Akteure des Geschehens befinden sich im Exil.

Ein Aufruhr hat bekanntlich mit Gewalt zu tun – der Verlauf des Referendums damals war jedoch friedlich, bis die Polizei auf Befehl der spanischen Regierung gewaltsam eingeschritten ist. Die Justiz argumentierte, dass die Anstifter zum Referendum die gewaltsamen Eingriffe der Polizei verantworten würden. Die Allgemeinheit, vor allem aber die intellektuelle Gesellschaft, ist über das bisherige Schweigen seitens der Europäischen Union zu den Vorfällen sehr enttäuscht.

Letzten Montag ist vom spanischen Gericht für die Führer der Unabhängigkeitsbewegung das endgültige Urteil gesprochen worden, zwischen 9 und 13 Jahren Haft wurde ihnen erteilt, was in ganz Katalonien sowie in Spanien tagelang heftige Proteste ausgelöst hat. Proteste gab es in weiteren 30 Ländern in Europa und den USA, darunter Deutschland und England. Der Flughafen in Barcelona wurde Montag und Dienstag von Protestlern fast vollständig lahmgelegt, es kam zu gewalttätigen Ausschreitungen der Polizei, an die hundert Menschen wurden verletzt, ein Demonstrant verlor ein Auge. Zahlreiche Straßen, Autobahnen und Straßenbahngleise sind mit Baumstämmen oder sitzenden Protestlern blockiert worden.

Der katalanische Präsident Quim Torra nannte das Urteil einen „Akt der Vergeltung“, es habe keineswegs etwas mit Gerechtigkeit zu tun. „Personen, die immer in einer demokratischen, absolut friedlichen Art gehandelt haben, sind verurteilt worden“, sagte Torra am Montag und verlangte eine unverzügliche Unterredung mit Ministerpräsident Pedro Sánchez sowie König Felipe VI.. Sánchez dagegen hat klargestellt, dass er sich auf keinerlei Verhandlungen über die Unabhängigkeit Kataloniens einlassen werde. Das Projekt eines unabhängigen Katalonien sei gescheitert, so Sánchez, der sich im Wahlkampf befindet. Spanien wählt am 10. November ein neues Parlament.
Kataloniens Präsidenten Quim Torra durften die Teilnehmer der MIDAS-Studienreise auch persönlich treffen. Sein Vorgänger ist einer der politischen Gefangenen – übrigens ein Begriff, der nach Anweisungen der spanischen Regierung für die eingesperrten Unabhängigkeitskämpfer verboten ist. Torra traf die MIDAS-Journalistengruppe am Ende der Konferenz zum Nationaltag und sagte: „Wo auch immer ihr auf der Welt sein werdet, erinnert euch stets mit Freude an uns. Katalonien wird siegen, denn Freiheit, Demokratie und Menschenrechte müssen siegen!”

Die positive Einstellung der Katalanen konnten die Journalisten immer wieder erleben.Bei einem Mittagessen mit Diplocat-Generalsekretärin Laura Foraster und der Direktorin des „Ramon Llull“-Kulturinstituts und gleichzeitig Schriftstellerin Iolanda Batallé, erfuhren sie viel von der katalanischen Kultur und dem großen Wunsch der Organisationen, einen Austausch zu so vielen Ländern wie nur möglich zu schaffen. „Es gibt keine Grenzen mehr, wir sollten uns langsam daran gewöhnen, dass wir eins sind“, die Kultur sei der beste Weg für internationale Kommunikation, sagte sie. „Wir sind alle Botschafter dessen, was wir lieben!“ schloss Iolanda Batallé ihre Rede.
Ein Besuch bei der Redaktion von „Vila Web”, einem neuen Mitglied von MIDAS, war ein weiterer interessanter Punkt auf dem Programm. Die englische Version der Zeitung ist für viele Beobachter von außen eine wichtige Informationsquelle und ist unter dem link english.vilaweb.cat zu finden.

Beeindruckend war für viele das Treffen mit Außenminister Alfred Bosch im Regierungsgebäude. Gemeinsam mit Journalisten von Zeitschriften wie „Le Figaro“ oder dem deutschen Medienverbund „ARD“ saßen die Teilnehmer der Studienreise einem der wichtigsten Menschen der politischen Szene Kataloniens gegenüber, der die generellen Umstände der Region erläuterte, das Unverständnis der lokalen Behörden gegenüber spanischen Maßnahmen im Zusammenhang mit dem Referendum: Politische Gefangenschaft sei kein Schritt, den man in diesem Jahrhundert gehen sollte, betonte Bosch am Ende. 

Zwei berühmte katalanische Journalisten, Montserrat Radigales und Andreu Claret, die durch ihre unterschiedlichen Einstellungen zur Unabhängigkeitsbewegung während eines Abendessens ein spannendes Gespräch entfachten, waren schließlich trotzdem einer Meinung, dass solche harte Maßnahmen gegen politische Haltungen nicht ins 21. Jahrhundert gehören. „Es ist ein komplettes Durcheinander“, meint Radigales, „Man muss von den gegenwärtigen Umständen ausgehen (…) Die Frage ist immer noch – Unabhängigkeit – kann sie tatsächlich errungen werden, ist die katalanische Politik denn wirklich darauf vorbereitet?“, fügte Claret hinzu.

Das Thema ist in Katalonien wirklich in aller Munde, was aber überraschend ist: Menschen sprechen von den inhaftierten Aktivisten wie von guten Bekannten – die Empathie und gleichzeitig der Stolz, eine gemeinsame Mission zu haben,verbreitet ein wirklich starkes Gefühl von Einheit, was wohl für viele Völker ein Beispiel sein könnte.

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