Gedenken an die Reichskristallnacht

Kulturzentrum zeigte Dokumentarfilm in drei Temeswarer Schulen

Alina Baciu, die Leiterin des Deutschen Kulturzentrums Temeswar, sprach mit den jungen Lenau-Schülern über die Reichskristallnacht. Foto: Zoltán Pázmány

„Aber es waren doch nicht alle Deutschen so, sondern nur Hitlers Generäle, denke ich“:

Zwar besucht Andrei erst die siebte Klasse, dennoch stellt sich der Junge ein paar essentielle Fragen, als im Unterricht das Thema „Holocaust“ besprochen wird. Mit seinem schwarzen Billabong-T-Shirt, seiner grauen Jeans und seinen Sportschuhen gehört der Junge sicherlich zu den „Coolen“ seiner Klasse. Das Skateboard wartet in einer Ecke brav auf seinen Besitzer. Das, was Andrei heute hat, konnten sich die Kinder der Juden im Deutschen Reich vor 74 Jahren nicht einmal erträumen. Andrei und seine Klasse, die 7.B, sollen aus dem Geschichtsunterricht erfahren, dass es auch schlimme Zeiten gegeben hat. Zeiten, in denen Kindern ihre Kindheit brutal weggenommen wurde.

24 neugierige Blicke sind gerade auf die Leiterin des Deutschen Kulturzentrums in Temeswar/Timişoara, Alina Baciu, gerichtet.

Denn in der Nikolaus-Lenau-Schule findet eine Geschichtsstunde der etwas anderen Art statt. Die siebte B-Klasse musste unter Anleitung von Geschichtslehrerin Simona Lobonţ über das Thema „Reichskristallnacht“ recherchieren und Informationen sammeln. Das Deutsche Kulturzentrum wollte dadurch ein Zeichen setzen, die jungen Schüler an schwierige Themen wie „Judenverfolgung“ heranbringen und ihnen dadurch auch ein bisschen mehr Toleranz ihren Mitmenschen gegenüber einhauchen. Zu diesem Zweck brachte das Kulturzentrum einen kurzen Film in den Unterricht, in dem ein Zeitzeuge der Reichskristallnacht vom 9. November 1938 seine bösen Kindheitserinnerungen schildert.

Die Reichskristallnacht oder Reichspogromnacht war die Nacht, in der Millionen von Scherben die Straßen Deutschlands bedeckten und die jüdischen Synagogen in Flammen aufgingen. Es war eine vom nationalsozialistischen Regime gelenkte Gewaltmaßnahme gegen die Juden im gesamten Deutschen Reich. Vom 7. bis zum 13. November 1938 wurden etwa 400 Menschen ermordet oder in den Selbstmord getrieben. Über 1.400 Synagogen, Betstuben, Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe wurden zerstört.

Tausende von Juden mussten zwangsweise in Arbeits- oder Konzentrationslager, wo die meisten von ihnen ums Leben kamen. Die jungen Lenau-Schüler sollten sich über diese Ereignisse informieren und ihre Ergebnisse in unterschiedlichen Formen präsentieren. Es entstanden Power-Point-Präsentationen, Plakate und eine eingeübte Debatte.

Vielleicht trafen nicht alle Siebentklässler, die ihre Projekte vor der Klasse präsentierten, den richtigen Ton. Doch als der Film über den Berliner Holocaust-Überlebenden Isaak Behar lief, wurde das ursprüngliche Lächeln in den Kindergesichtern durch ernste Blicke ersetzt. Geschichtslehrerin Simona Lobonţ ist überzeugt, dass die Schüler trotz ihres jungen Alters einiges verinnerlicht haben. „Die Siebentklässler da sind noch klein und unreif. Und trotzdem ist den meisten klar geworden, dass es sehr verführerisch sein kann, einer Gruppe, Nation oder Rasse die Schuld für das Böse, das in der Welt passiert, zu geben“, sagt die Geschichtslehrerin.  

Dass Rassenhass nichts Gutes bedeuten kann, das haben die jungen Schüler der Nikolaus-Lenau-Schule sicherlich verstanden. Und sie waren nicht die Einzigen, die am 9. November die bösen Ereignisse aus der Nazi-Zeit im Unterricht behandelten. Denn das Deutsche Kulturzentrum zeigte den Dokumentarfilm auch im Pädagogischen Carmen-Sylva-Lyzeum und in der Waldorf-Schule aus Temeswar. Damit je mehr Jugendliche die Hintergründe kennenlernen und sich die schlimmen Geschehnisse der Vergangenheit nie mehr wiederholen.