Literatur

Alexandrina Paul

Bekenntnis

In der Einsamkeit hat man mehr Zeit über sich und die Welt nachzudenken

 

Ich gebe zu, ich war nicht immer

gerecht mit mir und mit anderen,

zu gutgläubig oder zu misstrauisch.

 

Meine Gefühle waren manchmal unklar,

manchmal war ich stur und

manchmal leicht beeinflussbar.

 

Manchmal war ich zu träge oder zu feige

etwas zu tun, ich wollte mich

in meiner eigenen Welt ausruhen.

 

Ich habe vieles getan,

was man von mir verlangte

und was ich nicht mochte

und vieles versäumt, was ich tun wollte.

 

Nie habe ich jemanden gedemütigt,

gehasst oder verraten,

bin immer mir selbst treu geblieben,

so wie einst Shakespeare uns geraten.

 

Alexandrina Paul, Mai 2020

N.B.: Shakespeare „Hamlet“, aus dem Gespräch zwischen Polonius und seinem Sohn Laertes: „Und über alles bleib immer dir selbst treu, so kannst du niemanden verraten.“

 

 

Arnold Schlachter

Monatsgedicht Juni

Platz 

 

Du hast noch nie das alte Haus besucht,

in dessen Putz die Spur von Regen steckt

und aufgedeckt ein Farbenrest aus altem

Wandpigment das Mauerwerk verdeckt.

 

Der luftumwehter Feigenbäume Duft

erinnert an die weingetränkte Haut

der alten, kühlen Kellerräume Mauer,

deren Wein dort eingelagert ruht.

 

Und auch von weitem: alles ausgedörrt

und still, wenn Linden mit Essenzen spritzen, 

beides, Traum und Taumel dich auf Sitzen

kleiner, öffentlicher Plätze packt.

 

 

Arthur Funk 

Errungene Freiheit 

 

Der Häuser Wände fast versinken

hinter frischer, grüner Pracht

und der Wind lässt Weiden sinken,

säuselnd durch die Äste sacht.

 

Wie Pappeln, Birken und auch Eichen

sich höflich unterhalten;

wohl legen sie im Rat die Weichen,

als wichtige Gestalten.

 

Am Ufer dichtes Schilfrohr wächst,

hier Wasservögel brüten.

Es schilpt, es schnalzt, es schnarrt und krächzt, 

vor Blicken sie sich hüten.

 

Es zeigen Rosen Farbencharme,

versprühend ihre Düfte.

Der Frühling ist jetzt reif und warm,

oft schwül sind seine Lüfte.

 

Die Menschen gar, sie feiern schon

in ungeahnter Einheit,

als liefe gleich das Jahr davon,

die neue errung´ne Freiheit.

 

 

Alexandrina Paul

Spurensuche  

Erinnerungen an schöne Stunden

 

Ich suchte deine Spuren

im Sand, am Meeresufer,

wo wir einst gegangen sind.

Der Wind hat sie verweht.

 

Ich suchte deine Spuren

im Wasser des Sees, wo

wir einst gebadet haben.

Die Wellen haben sie gelöscht.

 

Ich suchte deine Spuren

im Wald, auf den Pfaden,

wo wir einst wanderten.

Die welken Blätter haben sie zugedeckt.

 

Ich suchte deine Spuren

in den Straßen der großen Stadt,

wo wir einst bummelten.

Andere Spuren haben sie verwischt.

 

Ich suchte deine Spuren

in meiner Seele und habe

sie auch gefunden, hier werden

sie für immer bleiben.

 

 

Vanessa Cuțui

Selbstfindung

 

Ich weiß nicht, wer wir sind. Das ging mir so letztens durch den Kopf, als ich an diese Welt und an die Menschheit dachte. Ich weiß nicht, wer wir sind, was für ein komischer Gedanke, und dann doch wieder nicht. Natürlich heißt das, dass ich auch nicht weiß, wer ich bin, was nicht mehr ein komischer Gedanke, sondern ein höchst beunruhigender ist. Wie kann es sein, dass ich seit so langer Zeit mit mir lebe und nicht einmal weiß, wer ich bin?

Wenn euch jetzt ein Fremder fragen würde, wer ihr seid, was würdet ihr dann sagen? Würdet ihr euren Namen sagen? Euer Alter? Sagt ihr, was ihr studiert habt? Definiert ihr euch über den Beruf? Arzt, Lehrer, Architekt, Rechtsanwalt? Erwähnt ihr eure Hobbys? Ist es das, wer wir sind? Oder gibt es jenseits dessen noch andere Dinge, die uns ausmachen?

Wir verbringen so viel Zeit unseres Lebens in dem Versuch, herauszufinden was uns antreibt, welchen Platz wir in der Welt einnehmen, was wir für uns selbst und für andere darstellen. Wir kämpfen ständig dafür, dazuzugehören, uns anzupassen, Teil eines Ganzen zu sein. Schon von klein auf werden wir dazu ermutigt, uns zu behaupten, Freundschaften zu schließen. Wir definieren uns oft über unsere Erfolge und Niederlagen und sehen uns selbst auf einer imaginären Skala. Haben wir was gut hinbekommen, steigt unser Platz auf der Skala, verbocken wir eine Situation, machen wir ein paar Schritte zurück.

Kleine Kinder sind glücklich, weil sie frei sind und weil sie nicht darüber nachdenken, ob Freisein sie glücklich macht.

Ich konnte kleine Kinder nie sonderlich gut leiden, aber sie sind so gut darin, Dinge zu hinterfragen und die Antworten auf eine spielerische Art nicht hinzunehmen, wenn es ihnen nicht passt. Sie entwickeln eine andere Realität, eine Wirklichkeit, in der sie so sein können, wie sie wollen und wo sie nur das hereinlassen, was sie mögen: den verspielten Familienhund, eine besonders liebe Großmutter, eine Freundin, die immer nett ist.

Und dann wachsen wir heran und verlieren einen Teil unserer Kreativität; wir lernen, Fakten anzunehmen, weil sie eben so sind, weil sie so in einem Geschichtsbuch geschrieben stehen oder weil ein Wissenschaftler, der vor 400 Jahren mal gelebt hat, das so gemeint hat. Wir nehmen das an, was man uns sagt. Das Hinterfragen hört auf. Die Vorstellungskraft lässt nach.

Was geschieht dann? Wer erinnert sich noch an das letzte Gespräch mit dem inneren Kind, diesem verborgenen Teil der Seele, den man bewusst in eine Ecke hingeschoben hat? Viele Menschen meinen, das innere Kind würde verschwinden, wenn wir ein gewisses Alter erreichen, so wie ein Fantasiefreund, den man nur wenige Jahre hat, aber mich schreckt das Wort “verschwinden“ ab. Ich möchte nicht daran glauben, dass ein Teil meines Ichs einfach so verschwinden könnte, und ich möchte auch nicht in Betracht ziehen, dass es sogar meine Schuld sein könnte. Viel lieber würde ich daran festhalten, dass mein inneres Kind einfach nur ganz schüchtern und schreckhaft ist, sich nur versteckt hat unddarauf wartet, dass man sein Vertrauen wiedergewinnt und es ans Licht bringt.

Wer sind wir also? Ist unser Sein dann nicht eher definiert durch die Summe vieler kleiner Ichs, die sich in verschiedenen Situationen entwickelt und entfaltet haben?

Wir passen uns den Umständen an, die wir durchleben und zeigen der Welt und unseren Mitmenschen den Teil unseres Ichs, von dem wir glauben, dass er besser mit dem gegebenen Sachverhalt umgehen wird.

Anstatt der Frage nachzujagen, wer wir sind undwodurch wir uns definieren, wäre es nicht besser einzusehen, dass Menschen in sich nicht immer stimmig sind und diese Teilfragmente zuzulassen, auch wenn sie widersprüchlich sind?

Und würden wir nicht viel besser nach unserem inneren Kind suchen und es in unserem täglichen Leben mit einbeziehen?

 

Wann das innere Kind wieder da ist? Wenn man unerschütterlich daran festhält, dass alles wieder in Ordnung kommt, wenn man an Liebe glaubt, an Vertrauen, daran, dass Menschen großmütigund stark sind. Wenn man an das Gute glaubt.

Könnten wir dann nicht unsere Selbstbeherrschung eine Zeit lang beiseitelegen und einfach unseren innersten Wünschen zuhören? Dinge tun, ohne jede einzelne Sekunde auf die Konsequenzen zu achten und uns nicht darum kümmern, was andere sagen könnten? Uns auch nicht darum kümmern, was unser verantwortliches Ich denkt, sondern einfach Dinge, die uns Freude bereiten, bewusst tun und sie dabei jede Sekunde genießen. Frei sein. Uns begeistern. Spaß haben.

Eis schlecken vor dem Mittagessen, auch wenn es dann einem den Appetit verdirbt.

Einen Film anschauen, der erst um Mitternacht beginnt, auch wenn man am nächsten Tag zur Arbeit muss.

10 Mal hintereinander das Lieblingslied hören.

Abends noch eine Tasse Kaffee trinken.

Einen Witz erzählen und dabei richtig lachen, auch wenn er nicht lustig ist.

Nachts aufstehen und ganz allein auf dem Balkon den Vollmond betrachten.

Warme Stiefel im Winter tragen, die dazu auch noch gut aussehen.

Ein einstündiges Telefongespräch mit einem guten Freund führen.

Gute Gedichte lesen, die einen zum Weinen bringen.

Samstagmorgens Schokomuffins backen.

Öfters mal Pfannkuchen mit Aprikosenmarmelade essen.

Ausschlafen am Wochenende.

 

Irgendwann hat mal jemand gesagt, wir wären nur Wunder der Materie - warum halten wir dann also nicht an diesem einzigartigen Gedanken fest und leben ein bisschen mehr?

 

Die literarischen Beiträge wurden von Mitgliedern des Temeswarer deutschen Literaturkreises „Stafette“ verfasst.