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„Für mich war Kunst immer eine Zuflucht“

Agnes Ferencz – eine vielseitige und unermüdliche Künstlerin

Agnes Ferencz und die Apollonia-Hirscher Plakette

Schon seit 19 Jahren wird in jedem Frühling eine siebenbürgisch-sächsische Persönlichkeit mit Wohnsitz in Kronstadt für ihr gemeinnütziges Wirken geehrt. Die Verleihung des Apollonia-Hirscher Preises ist seit dem Jahr 2007 eine öffentliche Veranstaltung. Jeder kennt die Plakette aus Ton, die der Preisträger oder die Preisträgerin erhält. Doch wenige wissen, dass die Plakette (nach einem Entwurf der Künstlerin Roswitha Winkler) jedes Jahr in der Werkstatt der Kronstädter Künstlerin Agnes Ferencz angefertigt wird.

Auch auf Social Media aktiv

Doch nicht nur Plaketten und Objekte aus Tonerde entstehen im Atelier, das Agnes Ferencz im Haus ihres Großvaters Rudolf Schuller eingerichtet hat, wo sie auch wohnt.
Die 77-Jährige ist unermüdlich: als wir sie an einem Juni-Vormittag besuchten, zeigte sie uns die Malereien, die sie in den letzten Tagen geschaffen hat: Vasen mit bunten Wiesenblumen, Gärten, Häuser und Kirchenburgen in Aquarell. Nachdem ein Bild fertig ist, wird es fotografiert und gleich auf Facebook gepostet. Dank der Technologie können Freunde und Bekannte aus nah und fern die Werke der Künstlerin bewundern, kurz nachdem sie geschaffen wurden. „Das Malen ist für mich wie eine Therapie“, meint Ferencz. Eines der Bilder aus den letzten Tagen heißt „bei den Nachbarn“ und zeigt ein großes orangefarbenes Haus mit einem Rosenstrauch davor. „Ich habe einfach meine Nachbarn gebeten, mich in den Hof zu lassen. Dann habe ich das Haus gemalt“, erklärt sie. Dann zeigt sie uns ein Regal voll mit Tieren aus Keramik. „Das ist ein Drache mit drei Flügeln“, meint sie und lächelt. Den Kindern, die in ihrem Atelier über Ton lernen, die ersten Formen selber kneten und brennen, sagt sie immer,  dass sie ihrer Phantasie freien Lauf lassen sollen. Sie weiß, wie wichtig es ist, schon in jungen Jahren mit Kunst vertraut zu sein.

Die Begegnung mit der Kunst

„Der erste Maler, den ich gesehen habe, war ein Herr vor einer Staffelei, der ein Bild von einem Haus mit bröckelnder Fassade malte. Das war dann meine erste persönliche Begegnung mit der Kunst, ich war sieben Jahre alt. Das Haus ist grässlich, dachte ich, aber was für ein wunderschönes Bild! Zum ersten Mal habe ich realisiert, dass Kunst die Realität in eine andere Realität verwandeln kann“, erinnert sich Ferencz.
Die Faszination für Farbe und Bild blieb. Die Kindheit verbrachte die Künstlerin in der Langgasse. In der Nähe wohnte ein Maler. „Er hieß Herr Tarassov und nahm mich immer mit, wenn er in die Natur ging, um Landschaften zu malen. Damals habe ich meine ersten Ölbilder gemalt. Ich erinnere mich dass er ein Geheimrezept für die Verdünnung der Farben hatte, es war eine gelatinartige Creme, die er in einer Zahnpasta-Tube aufbewahrte“, erzählt die Künstlerin. Zu der Zeit wurde es ihr klar, dass sie ihre Leidenschaft später zum Beruf machen wird. Doch sie ahnte noch nicht, dass sie auf ihrem Weg auch auf Schwierigkeiten stoßen wird.

Meisterin im Orientierungslauf

Nach Abschluss des Keramikstudiums in Klausenburg hat Agnes Ferencz fünf Jahre in Betrieben und Genossenschaften gearbeitet. „Ich wäre gerne nach Schäßburg gegangen, aber ich gelangte nach Neumarkt und anschließend nach Miercurea Ciuc. Es war wie ein böser Traum. Nach Jahren, in denen man sich ein Künstlerleben vorgestellt hat und gehofft hat, eines Tages eine eigene künstlerische Sprache zu haben, landete man in einem Betrieb, wo man acht-neun Stunden pro Tag arbeiten musste. Wir mussten uns für die Steigerung der Produktion den Kopf zerbrechen, und nicht über die Möglichkeiten, uns künstlerisch auszudrücken. Man musste machen, was nützlich ist, man hatte keine Zeit zum Träumen. Aber ich hatte Träume“, erzählt sie. Schließlich gelang es ihr, eine Stelle als Lehrerin zu finden. Zuerst in Siebendörfern, dann bei der Allgemeinschule nr. 24 in Kronstadt.

Gesundheitlich hatte die Malerin und Keramikerin schon immer Probleme. Doch sie hat immer die Kraft gefunden, sie zu überwinden. Die Erfahrung hat ihr gezeigt, dass die Bewegung in der Natur den Organismus stärkt. „Wegen Problemen an der Wirbelsäule war ich schon als Schülerin vom Sportunterricht entschuldigt. Doch Bewegung kann eigentlich nur gut tun. Zusammen mit einer Freundin, die leidenschaftliche Wanderin war, unternahm ich als Studentin regelmäßig Spaziergänge im Wald. Am Anfang war es schwer, aber nach und nach wanderten wir auf längeren Strecken“. Schon in den Studienjahren entdeckte sie den Orientierungslauf, ein Sport, der heute bei der Jugend weniger bekannt ist. Es handelt sich um eine Laufsportart,  bei der im Gelände mehrere Kontrollpunkte festgelegt werden, die mit Hilfe von Landkarten und Kompass gefunden werden müssen. Dabei wählt der Läufer die für ihn optimale Route selbst. Dadurch erfordert der Orientierungslauf neben körperlicher Fitness auch ein hohes Maß an geistiger Leistung. Der Orientierungslauf entwickelte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Skandinavien, wo er inzwischen Volkssport ist. Heute wird er weltweit betrieben und zählt zu den vom Internationalen Olympischen Komitee anerkannten Sportarten, wurde jedoch noch nicht bei den Olympischen Spielen ausgetragen. In Rumänien war er besonders in den 60er und 70er Jahren sehr beliebt.

Gerne von Kindern umgeben

Den ersten Wettbewerb im Orientierungslauf, der in Rumänien im Jahr 1963 organisiert wurde, gewann Agnes Ferencz. Auch später hat sie versucht, junge Leute für diese Sportart zu begeistern. Zuerst in Miercurea Ciuc, danach in Siebendörfern und Kronstadt organisierte sie Expeditionen für Kinder. „Wir haben oft gezeltet. Diese Sportart ist für Kinder von großem Vorteil. Die distributive Aufmerksamkeit, die Konzen-tration und der Teamgeist werden gefördert. Immer hatte ich auch den Zeichenblock dabei. Die Kinder gingen wandern, ich zeichnete. Wenn sie zurückkehrten zeigte ich ihnen die Bilder, die ich gemalt hatte. Am Ende jeder Expedition organisierten wir auch eine Ausstellung“. Auch heute ist sie gerne von Kindern umgeben: in ihrem Atelier modellieren sie Tonfiguren, bemalen Ostereier und basteln Weihnachtsdekorationen. Agnes Ferencz hat Kunstworkshops beim „Casa Mureșenilor“-Gedenkhaus geleitet, Ateliers im Rahmen der Kurse für rumänische Sprache und Zivilisation des Rumänischen Kulturinstituts betreut und auch mit krebskranken Patienten gearbeitet. Für sie ist Kunst eine Therapie. „Für mich war Kunst immer eine Zuflucht. Sie gab mir Gleichgewicht zwischen den Träumen der Jugend und der harten Realität im Kommunismus“. Was die Themen ihrer Arbeiten betrifft, interessiert sie sich für die Volkskunst. Legenden und Persönlichkeiten aus dem Burzenland und dem Szeklerland spielen in ihrer Arbeit eine wichtige Rolle. „Ich kann mich in meinen Bildern nicht von der Realität trennen. Kunst zeigt immer das, was der Künstler von der Realität selektiert“, meint Agnes Ferencz.

 

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