ADZ-Reihe - Wertvolle Jugendbücher: Das unterdrückte Orakel

„Oracle“, Ursula Poznanski, Loewe Verlag, ausgeliehen in der Bibliothek des Goethe-Instituts Bukarest, Calea Dorobanți 32/ Pavilion, www.goethe.de/bukarest

Ist die Zukunft offen oder vorbestimmt? Oder nur ein Stückchen vorauskristallisiert - je näher, desto fester? Kann eine einzige Entscheidung dich von einem Augenblick auf den anderen ins Unglück stürzen oder davon befreien? Du gehst links oder rechts und erlebst den schlimmsten Unfall, der dich an den Rollstuhl fesselt - oder triffst die große Liebe? Und wäre es gut, zu wissen, oder zumindest vorauszuahnen, wenn größere Gefahren drohen?

Was aber, wenn du mit diesem Talent allein wärst und niemand würde dir glauben? Du könntest Leben retten, weil du siehst, was andere nicht sehen: Einen Marker, der auf einem Freund oder einem völlig Unbekannten liegt und anzeigt, welche Stelle des Körpers bald versehrt sein wird, und vielleicht sogar auch wann? Und dann ahnst du, was passieren könnte... Wie du es verhindern könntest! Dem Unbekannten den Reifen aufstechen, damit sich sein Lenkrad nicht halbkreisförmig in seinen Brustkorb bohrt, weil er gar nicht losfahren kann... Und dann schnell weglaufen natürlich, denn wer würde dir, wenn du erwischt wirst, glauben? 

Man würde dich auslachen, verhöhnen, mitleidig ansehen und wenn sich Ähnliches wiederholt, zum Seelenklempner schicken. Man würde dir einreden, verrückt zu sein, dich mit Medikamenten sedieren. Denn es darf ja nicht sein, was nicht sein kann. Was Menschen nicht verstehen, verstört. So ein Talent wäre in unserer realen Welt tatsächlich - ein Albtraum.

Julian wird ihn erleben. Seine Kindheit: beängstigende Wahnvorstellungen, Psychiatrie, Medikamente, Therapiestunden. Isolation zuhause, beschützt von den Eltern. Den Kopf stets zu Boden gesenkt, bis die Zeichen, die er an manchen Menschen sah, endlich hinter einem Schleier versanken, die Pillen zu wirken begannen, der Albtraum irgendwann tatsächlich nur ein Traum und vor allem Vergangenheit zu sein schien. Vorsichtig findet Julian ins wirkliche Leben zurück. Tabletten sind seine ständigen Begleiter. Zaghaft nabelt er sich ab ins Erwachsenwerden, zieht zum Studium ins Studentenheim, findet erstmals gleichaltrige Freunde, zögernd, zu vertraut ist ihm noch die Einsamkeit. Partys? Schreckliche Vorstellung! Und was den jungen Leuten erzählen? Julian weiß, wie bizarr er auf andere wirken muss. Dass er seine Pillen nicht vor allen verstecken kann. Seinem Zimmerkumpel, dem schwulen Robin, erzählt er etwas von Angststörungen. 

Langsam lernt Julian, zu sozialisieren, Gleichaltrige an sich heranzulassen. Ist der Albtraum vielleicht doch vorbei? Kann Julian Freunde finden, ausgehen, ein richtiges Leben führen? Gerade als er es zu glauben beginnt, begegnet ihm auf einem langgefürchteten Klassentreffen, das er nur auf den Rat seiner Therapeutin als Mutprobe wahrnimmt, um mit der Vergangenheit endlich abzuschließen, Verena - im Rollstuhl! Ist es Zufall, dass ausgerechnet sie das schrecklichste Zeichen aller trug, so dass er ihre Beine gar nicht sehen konnte: rote, schmierige Schlieren, wie Blut? Zufall, gewiss. Doch Hanno, auch er trug damals diese schrecklichen Zeichen, war munter und gesund.

Julians neues Weltbild gerät ins Wanken, als Hanno kurz darauf einen schweren Unfall erleidet. Sind die Marker vielleicht doch - Zeichen? Würde er sie noch sehen, wenn er seine Pillen nicht mehr nähme? Ausgerechnet Robin bringt ihn auf diese Idee: Welche großartige, seltene Begabung Julian da vielleicht mit Medikamenten  unterdrücke! Julian beginnt, anders über seine Kindheitserfahrungen zu denken: Wieviele Menschenleben er vielleicht retten könnte, wenn...

Und dann nimmt das selbstgewählte Abenteuer auf einmal rasant an Fahrt auf, reißt Julian und seine neuen Freunde in einen Wirbel aus Gefahren, Rettungen, Intrigen, Hoffnung, Enttäuschungen und die Erkenntnis, dass sein Talent genausowenig rückgängig zu machen ist, wie man das Lesen verlernen kann. Gibt es jetzt noch Hoffnung auf ein halbwegs normales Leben? 

„Oracle“ führt den Schrecken eines übersinnlichen Talents, der in einer Welt wie der unseren die Vorteile deutlich auswiegt, mit allen Facetten vor Augen. Niemand wird nach dieser Lektüre mehr davon träumen, ein Harry Potter oder eine Jeannie zu sein.


Die monatliche ADZ-Reihe „Wertvolle Jugendbücher“ möchte Kinder und Jugendliche zum Lesen in deutscher Sprache anregen. Die Bücher sind in den deutschsprachigen Bibliotheken des Goethe-Instituts auszuleihen.