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Ein Vergnügen für Freunde der Literatur

Neuester Band der „Temeswarer Beiträge zur Germanistik“ erschienen

Vor Kurzem erschien im Temeswarer Mirton Verlag, gedruckt mit Förderung des Konsulats der Bundesrepublik Deutschland in Temeswar/Timișoara, der nun-mehr bereits fünfzehnte Band der von der Temeswarer Germanistin Roxana Nubert seit 1997 herausgegebenen Fachzeitschrift „Temeswarer Beiträge zur Germanistik“, die in den wichtigsten einschlägigen internationalen Datenbanken sowie in zahlreichen nationalen und internationalen Bibliotheken vertreten ist. In diesem neuesten Band, der sich ausschließlich mit literarischen Themen befasst, sind insgesamt fünfzehn wissenschaftliche Beiträge von Germanistinnen und Germanisten aus Rumänien, Ungarn, Österreich, Deutschland, Italien und Spanien versammelt.

Der Band enthält außerdem zwei Rezensionen von László V. Szabó aus Veszprém über eine Studie zum „Cherubinischen Wandersmann“ von Angelus Silesius und von Beate Petra Kory aus Temeswar über eine literarische und künstlerische Hommage an Richard Wagner zu dessen 65. Geburtstag. Ein ausführliches Verzeichnis der beitragenden Autorinnen und Autoren, ein Dank an die externen Gutachterinnen und Gutachter sowie Hinweise für Germanistinnen und Germanisten, die Manuskripte für künftige Bände der „Temeswarer Beiträge zur Germanistik“ einreichen wollen, schließen diesen mustergültig edierten Zeitschriftenband ab, der beim Germanistik-Lehrstuhl der West-Universität Temeswar erworben werden kann.

Programmatisch stellt der den Sammelband eröffnende erste Beitrag, der aus der Feder der Münchner Literaturdidaktikerin Sabine Anselm stammt, die Frage nach dem „Lesen zum Vergnügen“ und widmet sich dieser Frage im Kontext des schulischen Literaturunterrichts aus historischer Perspektive. Die Anfang des 19. Jahrhunderts noch als Vorwurf gemeinte Behauptung, dass die schulische Beschäftigung mit der deutschen Literatur „zum reinen Vergnügungslesen“ verführe, da ihr die Anstrengung der Übersetzung (etwa aus dem Griechischen oder Lateinischen) abgehe, wurde in der Folgezeit durch die Überzeugung abgelöst, dass deutscher Literatur als ästhetischer Kunst eine zentrale Rolle bei der ethischen Bildung des Menschen zur Humanität und Freiheit zukomme.

Mit einem historischen Thema beschäftigt sich auch der Beitrag von Orsolya Lénart aus Budapest, der sich mit der Sprache und der Identität von auf Deutsch schreibenden Autoren im Königreich Ungarn zwischen 1800 und 1848 ausei-nandersetzt, und zwar anlässlich der sogenannten Pyrker-Debatte um die Hungarus-Identität. Gábor Kerekes aus Budapest befasst sich in einem weiteren Beitrag mit der modernen ungarndeutschen Literatur seit 1970 und mit dem in ihr artikulierten Begriff der Heimat, wobei die hier behandelten Autoren unter Heimat entweder Ungarn oder die eigene Herkunftsregion verstehen, das Land ihrer Muttersprache – Deutschland – jedoch so gut wie gar nicht.

Gleich zwei Beiträge von Temeswarer Germanistin-nen widmen sich dem, mit dem Deutschen sowie dem Schweizer Buchpreis ausgezeichneten, Roman „Tauben fliegen auf“ (2010) der ungarisch-schweizerischen Autorin Melinda Nadj Abonji, welcher die Geschichte der erfolgreichen Integration einer serbisch-ungarischen Familie aus der Vojvodina in der Schweiz erzählt. Sowohl Grazziella Predoiu als auch Beate Petra Kory untersuchen dabei den Heimatbegriff, wobei sie die hybride Existenz der Protagonistin als „Mischwesen“ bzw. als „patchwork-Identität“ deuten. Die auffliegende Taube des Romantitels konstituiert dabei metaphorisch eine Verbindung zwischen der vertrauten kindlichen Welt und der fremdartigen Realität der erwachsenen Migrantin. Der Beitrag von Olga García aus dem spanischen Caceres über die aus Ungarn stammende und heute in Berlin lebende Büchner-Preis-Trägerin des Jahres 2018 Terézia Mora beschließt den Reigen der Aufsätze zu deutschsprachigen Autoren ungarischer Herkunft im jüngsten Band der Temeswarer Fachzeitschrift.

Die Bukarester Germanistin Ioana Crăciun analysiert in ihrem literatur- und filmwissenschaftlichen Beitrag das Bild des Ersten Weltkriegs in Ernst Johannsens Roman „Vier von der Infanterie. Die letzten Tage an der Westfront 1918“ (1929) im Vergleich mit dessen ein Jahr später entstandener Verfilmung von Georg Wilhelm Pabst. Die österreichische Nachkriegszeit ist das Thema des Wiener Germanisten Wynfrid Kriegleder, der dem amerikanischen Genre der Kriminalerzählung mit der Hauptfigur eines sogenannten „hardboiled detective“, eines hartgesottenen Ermittlers, in Werken von Johannes Mario Simmel, Milo Dor und Reinhard Federmann nachspürt.

Paola Bozzi aus Mailand befasst sich in ihrem Beitrag unter dem provokanten Titel „Merda d’artista“ (Künstlerscheiße), der auf ein Werk des italienischen Konzeptkünstlers Piero Manzoni aus dem Jahre 1961 anspielt, mit den „stanzen“ (1992) des österreichischen Lyrikers Ernst Jandl, deren surreale, groteske, makabre und obszöne Inhalte von der italienischen Germanistin in die künstlerische Tradition der Ready-mades (Marcel Duchamp) und in die literarische Tradition des Dadaismus (Tristan Tzara) gestellt werden.

Ein weiterer Schwerpunkt des neuesten Bandes der „Temeswarer Beiträge zur Germanistik“ ist die deutsche Gegenwartsliteratur. Laura Cheie aus Temeswar untersucht den 2017 erschienenen Roman „Tyll“ von Daniel Kehlmann, der die Lebensgeschichte des Schelms, Schalks und Narren Till Eulenspiegel aus dem Volksbuch von 1515 in die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs versetzt und dabei von den seelischen Zerstörungen erzählt, die Gewalt zu jeder Zeit anrichten kann. Zwei Gegenwartsromane des aus dem rumänischen Banat in die Bundesrepublik Deutschland emigrierten Schriftstellers Richard Wagner sind Gegenstand zweier weiterer Beiträge des Zeitschriftenbandes. Aneliese Wambach aus Temeswar setzt sich mit dem Bild des Dorfes in Richard Wagners Roman „Habseligkeiten“ (2004) auseinander und Maria Stâng˛ aus Temeswar analysiert „das Schicksal einer hilflosen Helferin“ in Richard Wagners Roman „Das reiche Mädchen“ (2007).

Zwei Beiträge von deutschen Germanistinnen runden den fünfzehnten Band der „Temeswarer Beiträge zur Germanistik“ ab. Iris Buchmann aus Karlsruhe nimmt sich des ausgedehnten Themenkreises „Michel Foucault und die Literatur“ an und die Münchnerinnen Margit Riedel und Joana Baumgarten widmen sich gemeinsam einem Vergleich zwischen Goethes 1789 erstmals veröffentlichten Gedicht „Heidenröslein“ (1789) und dem Lied „Rosenrot“ der deutschen Rockband Rammstein aus dem Jahre 2005, und zwar aus didaktischer Perspektive im Kontext der Genderproblematik und der aktuellen #MeToo-Debatte.

Insgesamt also ein wissenschaftlicher Sammelband, dessen Lektüre großes Vergnügen bereitet und der außerdem dazu anspornt, dem Vergnügen des Lesens überhaupt vermehrt zu frönen. Schon Oscar Wilde wusste: „Vergnügen ist das einzige, wofür man leben sollte.“ Und noch vor ihm erkannte William Shakespeare: „Das Vergnügen macht sich über kurz oder lang immer bezahlt.“

Temeswarer Beiträge zur Germanistik, Bd. 15/2018, hg. von Roxana Nubert, Temeswar: Mirton 2018, 352 S., ISSN: 1453-7621. Der fünfzehnte Band sowie die vorangegangenen Bände der Zeitschrift können beim Germanistik-Lehrstuhl der West-Universität Temeswar bestellt werden (E-Mail: roxana. nubert@e-uvt.ro).

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