Eine Stradivarius spielt im Mühlbacher Kirchhof

Alexandru Tomescu (Violine) und Omar Massa (Bandeon) traten auch in Mühlbach auf

Alexandru Tomescu und Omar Massa unternahmen in Rumänien eine längere Tournee. Foto: Alfred Dahinten

Die verbleibenden Instrumente des berühmten Cremoneser Geigenbauers Antonio Stradivari haben sich zu so etwas wie Persönlichkeiten entwickelt. Auf jeden Fall haben sie einen eigenen Namen, zum Beispiel: die „Molitor“-Stradivarius (nach einem französischen General Napoleons) oder die Lady Blunt (nach der Enkelin Lord Byrons), die „La Puchelle“ (die Jungfräuliche) oder die „Dolphin“. Die einzige in Rumänien existierende Stradivarius hat den Namen „Elder-Voicu“ und gastierte am 9. September 2020 in dem Mühlbacher Kirchhof.
Gespielt wird die Stradivarius von dem jungen Geiger Alexandru Tomescu , der im Jahre 2007, als man sich nach einem längeren Prozess entschied, die Geige zum Spielen freizugeben, als einer der vielversprechendsten Musiker Rumäniens galt. Seither hat der Musiker in vielen Auftritten im In- und Ausland sein Talent bestätigt, unter anderem auch in dem Konzert in Mühlbach. Er wurde begleitet von dem Argentinier Omar Massa auf einem Bandeon, ebenfalls ein interessantes Instrument, das in Argentinien erfunden wurde, um in den Kirchen die Orgeln zu ersetzen. Orgeln waren in den etwas ärmeren Kirchen Südamerikas wohl etwas teuer und aufwendig herzustellen, deshalb versuchte man, sie durch ein kleineres, aber doch einigermaßen ebenbürtiges Instrument zu ersetzen, erzählte Tomescu in einer Pause zwischen den Stücken.

Spannend ist auch die Geschichte der „rumänischen“ Stradivarius; sie wurde von der kommunistischen Regierung unter Gheorghe Gheorghiu-Dej im Jahre 1965 speziell für den rumänischen Virtuosen Ion Voicu gekauft, nachdem verschiedene andere rumänische Künstler darauf aufmerksam gemacht hatten, dass dieser über kein Instrument verfüge, das seinem Talent gerecht würde. Gheorghiu-Dej hatte ein Einsehen und beauftragte den Künstler Ion Voicu mit der Anschaffung eines entsprechenden Instrumentes, welches dieser in der Schweiz über die Firma Verrault bestellte und dann auch für die Summe von damals 1, 2 Millionen Lei kaufte. Die Besitzurkunde wurde auf seinen Namen ausgestellt, aber in Rumänien schloss er mit dem Staat dann einen Leihvertrag auf Lebenszeit ab, da das Instrument ja von Staatsgeldern bezahlt worden war. Das hat der Präsidentengattin Elena Ceauşescu in den 80er-Jahren nicht mehr gepasst, sie intervenierte beim Kulturministerium, sodass in den Jahren 1984/85 dem Künstler die Stradivarius entzogen und ins Nationale Kunstmuseum gebracht wurde.
Erst nach 1990, als das Kulturministerium von Andrei Ple{u geleitet wurde, erhielt Ion Voicu die Geige wieder und behielt sie bis an sein Lebensende im Jahre 1997. Danach wurde vom Kultusministerium ein Wettbewerb organisiert, welcher den berühmten Geiger Yehudi Menuhin in der Jury hatte. Dieser Wettbewerb wurde von dem Künstler Gabriel Croitoru für sich entschieden und Menuhin hielt ihn für einen würdigen Nachfolger Voicus. Aber die Familie Voicu gab das Instrument nicht heraus und brachte Croitoru um seinen Erfolg. Erst im Jahre 2007 sollte das Instrument in den Händen von Alexandru Tomescu wieder erklingen.

Es ist vermutlich auch die Geschichte dieses Instrumentes, die neben der Neugier auf die Virtuosität seines Interpreten den Kirchhof in Mühlbach fast überfüllt hat, wobei natürlich die Richtlinien für die Verhinderung der Ausbreitung des Corona-Virus eingehalten wurden. Das Bandeon Omar Massas hatte eine, wenn auch wohlklingende, Begleitrolle.

cffviseu