Gesellschaftsräume der Literatur

Neue Veranstaltungsreihe in der Alten Schmiede Wien

Am 23. April fand in der Schönlaterngasse in den Gewölben der Alten Schmiede, der original eingerichteten Wiener Schmiedewerkstatt des Kunstschmiedes Otto Schmirler (1909-1987), die vierte Veranstaltung einer neuen Reihe statt, für deren Konzept und Ausführung Kurt Neumann zeichnet. Die Initiatorin des Literaturabends unter dem Titel „Schreiben in Gesellschaft“ war die österreichische Schriftstellerin Lisa Spalt (IPA Linz), die beim Germanistenkongress 2018 in Großwardein/Oradea eine Lesung hatte und den Lesern der ADZ bekannt ist (siehe ADZ vom 4. Juli 2018). Sie machte das Publikum von Beginn an auf die Rolle der Literatur als gesellschaftliche Disziplin aufmerksam und schickte voraus, dass die Teilnehmenden an der Diskussionsrunde ihre abgeschlossenen Projekte vorstellen werden, in denen sie den Alltag der Gegenwart samt sozio-historischen und -politischen Phänomenen mit unterschiedlichen ästhetischen Gestaltungsverfahren verflochten haben.


Die Gäste waren Karin Harrasser (Kunstuniversität Linz), Pavel Novotný (TU Liberec), Dieter Sperl (Wien) und Gabriel Horațiu Decuble (Universität Bukarest).
Karin Harrasser begann mit der Präsentation eines Schreibprojektes, basierend auf dem von ihr übersetzten und 2018 im Campus Verlag erschienenen Buch „Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän“ von Donna Haraway. Die amerikanische Wissenschaftstheoretikerin, Biologin und Geschlechterforscherin geht darin auf Begriffe wie Sympoiesis und Zusammen-Werden und auf Themen wie Klimakrisen, Überbevölkerung, kollektives Schreiben in Gesellschaft ein. All diese setzen gemeinsame Verantwortung und Antwortfähigkeit der Menschen voraus.

Pavel Novotný sammelte im Laufe mehrerer Jahre Aussagen von unterschiedlichen Sprechern während ihrer Straßenbahnfahrt von Liberec nach Jablonec und bewies mit seinem Projekt „Tramvestie“, dass eine Fahrt zu einer Aktion werden kann, in der die Dynamik der Menschen und der Landschaft auch in Grafik übertragen werden konnte. Auch in seinem Projekt „Wolken“ sprechen die Menschen und geben ihrer Fantasie freien Lauf, indem sie auf der Erde liegen und die Wolken beobachten.


Dieter Sperl ist als Autor von experimentellen Büchern, Hörspielen und Textinstallationen sowie als He-rausgeber der „Flugschrift“ bekannt. Sein Projekt bestand aus dem Sammeln von Lebensgeschichten, die unter dem Titel „Aus meinem Leben“ als kollektives Hörspiel vereint wurden, in dem Erzählen mit spezifischen Sprechweisen alle Beteiligten zusammenwirken lässt.
Gabriel Horațiu Decuble, der 2012 das Projekt „Moș Crăciun & Co.“ („Weihnachtsmann & Co.“) konzipierte, erklärte, dass den Kern seines Romanprojektes, so pathetisch es auch klingen mag, die Menschenliebe darstellte. Der Roman wurde am 15. Dezember 2012 von 53 rumänischen Schriftstelle-rinnen und Schriftstellern in nur 5 Stunden und 35 Minuten verfasst und in 9 Stunden und 8 Minuten am gleichen Tag als „Geschenk an die rumänische Gesellschaft“ auch veröffentlicht. Nach dem Erscheinen wurde er als der „am schnellsten je geschriebene und veröffentlichte Roman“ ins Guinness Book of World Records eingetragen, wofür man allerdings eine neue Kategorie erfinden musste.


Lisa Spalt stellte das „Institut für poetische Alltagsverbesserung“ vor, das sich als poetischer Dienstleistungsbetrieb versteht, in dem Dichten als Gesellschaftsspiel ausprobiert wird, Geschichte und Mythologie, Alltag und Utopie in einen kulturgeschichtlich geistreichen und ideenreichen Dialog treten. Ihr Buch wird voraussichtlich Ende August dieses Jahres erscheinen.
Der Abend klang mit vielen Fragen und Diskussionen von Seiten der Anwesenden aus und ließ diese innerlich bereichert heimgehen.