Hausarzt der Familie angeblicher Vater

Ein wohlgehütetes Geheimnis von Erich Kästner

Es war ein wohlgehütetes Familiengeheimnis, von dem nur wenige Vertraute wussten. Und Erich Kästner hatte großes Interesse daran, dass über seine uneheliche Herkunft nichts an die Öffentlichkeit drang – immerhin galt es doch, den Ruf des tadellosen „Muttchens“ zu wahren.  Ab 1933 war mit dem kleinen biografischen Detail zudem eine reale Gefahr verbunden, denn Kästners leiblicher Vater war Jude.

Dr. Emil Zimmermann (1864-1953) stammte aus Oberschlesien und hatte sich 1893 als praktischer Arzt in Dresden niedergelassen. Er war in die jüdische Gemeinde ebenso wie in die gehobene Dresdner Gesellschaft integriert, verheiratet und Vater zweier Kinder.

Und von Erich Kästner, der am 23. Februar 1899 geboren wurde. Was zunächst als Treppenhausgewäsch in der Dresdner Neustadt die Runde machte, vertraute Ida Kästner später ihrem Sohn an: Nicht der Sattler Emil Kästner, sondern der Hausarzt der Familie, Zimmermann, sei sein wahrer Vater.

Dass die Ehe der Ida mit Emil Kästner nicht glücklich verlief, ist längst bekannt, auch, dass sie Ehrgeiz und Liebe ganz auf ihren Sohn Erich projizierte, der sich Zeit seines Lebens nicht von seiner Mutter emanzipieren konnte.

Daneben war zunächst für Emil Kästner und später für Lebensgefährtinnen kein Platz im Leben Kästners, und so erstaunt es nicht sonderlich, dass der offizielle Vater in Kästners Briefen kaum bedacht wurde und auch in seinen Romanen die Vaterfigur weitestgehend ausgespart blieb. Sogar in seinen Kinderbüchern kann er kaum intakte Familienstrukturen beschreiben, meist gibt es nur alleinerziehende Mütter. Und die Frauen? Kästners Kindesliebe ließ sie nicht zu. „Wenn’s doch Mode würde, diesen Kröten jede Öffnung einzeln zuzulöten, denn dann wären wir sie endlich los“, dichtet er auf das weibliche Geschlecht.
Zimmermann hingegen blieb der Ruhepol in Kästners Kindheit, tröstete, wenn die depressive Mutter sich wieder einmal das Leben zu nehmen versucht hatte. Er war ein guter Freund der Familie, der ebenso wie Emil Kästner nichts von seiner Vaterschaft wusste. Dies blieb ein Geheimnis zwischen Mutter und Sohn, das beide nur noch mehr verband.

Später wusste Kästner scheinbar nicht, wie mit Zimmermann in Verbindung bleiben. Er schickte ihm zwar ein Exemplar von „Emil und die Detektive“, hielt sich darüber hinaus aber bedeckt. Nach 1933 brach der Kontakt wahrscheinlich ganz ab. Immerhin war es gefährlich geworden, sich in Briefen und Postkarten allzu unbedacht zu äußern. Zimmermann emigrierte um 1938 nach Brasilien und kehrte nicht mehr nach Europa zurück.

Kästner befand sich in einer misslichen Lage. Nach jüdischem Religionsverständnis galt er nicht als Jude, da hierfür die Abstammung von einer jüdischen Mutter oder eine Konversion Voraussetzung sind. Den Nationalsozialisten hingegen galten die Kinder aus „Mischehen“ als Halbjuden. War zudem der Vater ein Jude, drohte zwar nicht die Deportation, doch schwere Repressalien.

Das könnte erklären, warum sich Kästner nach 1933 ein völlig kritikloses Schreiben auferlegte und sich auch nicht, wie einige andere Schriftsteller, im Ausland zur Lage in Deutschland äußerte. Stattdessen verfasste Kästner zwischen 1933 und 1945 Klamaukromane, belanglose Theaterstücke und Drehbücher, die teilweise unter Pseudonym veröffentlicht wurden. In Einzelfällen, wie etwa über die Schauspielerin Else Eckersberg, äußerte sich Kästner auch antisemitisch, um sich dem Ton der Zeit anzupassen. Wenn er schon als linker Autor im Fokus der Nazis stand, wollte er ihnen nicht auch noch als Halbjude gelten.

Und tatsächlich gelang es ihm, das Geheimnis über seine Herkunft verborgen zu halten. Nur einmal wurde in einem Brief der „Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums“ 1935 über Kästner vermerkt: „Bei diesem Schriftsteller handelt es sich um einen Juden!“ Da hieraus allerdings keine Konsequenzen resultierten, kann dieser Vermerk als unbegründete Hetze abgetan werden.

Nach 1945 kokettierte Kästner gelegentlich mit seiner Herkunft, sprach von einer „millionenschweren Halbschwester“, womit er auf Else Zimmermann anspielte, die in die Dresdner Bankiersfamilie Arnhold eingeheiratet hatte. So erfuhr ein kleiner Kreis Vertrauter von Kästners jüdischem Vater und als es Luiselotte Enderle in ihre Kästner-Biografie einfließen ließ, wurde es öffentlich zu einer Fußnote im Leben des Schriftstellers Erich Kästner.

cffviseu

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Bemerkungen :

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    Ralf-Hermann 30.09.2015 Beim 03:32
    Warum schreibt man denn solche unreflektierten und falschen Zusammenfassungen
    Ob der Vater wirklich der Hausarzt war ist bis heute nicht mehr als eine Vermutung/Gerücht ... Zitate aus dem Zusammenhang gerissen (Das verlöten der Frauen bezog sich nicht auf Frauen im Allgemeinen - vergleiche dazu das Gedicht), falsche Behauptungen aufgestellt (es würden nur alleinerziehende Mütter in Kästners Büchern thematisiert - Tatsache? - dann ist der Vater im doppelten Lottchen und von Pünktchen genau was?) etc. ... eine wirklich schlechter Artikel
  • user
    Hans-Heinrich 28.09.2011 Beim 14:21
    Obwohl ich weder Germanist, noch Literaturwissenschaftler bin, möchte ich den Artikel über Kästner doch kommentieren.

    Generell ist er mir zu negativ! Zu wenig auf die Zwänge der Zeit zugeschnitten. Gerade in Rumänien sollte man hier angesichts der eigenen Diktaturerfahrungen doch differenzierter und vor allem sensibler sein.

    Dass Kästner mit der Damenwelt etwas auf Kriegsfuß stand, ist bekannt. Aber alle hat er doch bei weitem nicht gehasst. Die aus dem Gedicht „Sogenannte Klassefrauen“ zitierten „Kröten“ zielen nur auf die hirnlosen Exemplare, die jeder noch so blöden Mode gedankenlos nachlaufen; heute noch in Dschungel-Camps und Casting-Shows gut zu beobachten. An anderen Stellen hat er übrigens auch die hirnlosen männlichen Exemplare Mensch gegeißelt.

    Kästner ist in der Nazizeit bewusst nicht emigriert. Seinem Freund Hermann Kesten sagte er als dieser 1933 emigrierte, er wolle bleiben, „um Augenzeuge der kommenden Greuel zu sein.“ Er war sogar so dreist und mutig, dass er am 10.Mai 1933 der Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz beiwohnte, obwohl dort auch seine eigenen Bücher ins Feuer flogen. Dass er in dieser Zeit, in der er durchgehend mit einem Schreibverbot belegt war, mit weniger anspruchsvollen Werken sein Überleben sicherte, muß konstatiert werden, ist aber sicher verständlich. Sie alle als Klamauk abzutun, wird diesen in bitterer Zeit oft erholsames Lachen erregenden Werken wohl nicht gerecht; ganz zu schweigen vom gesamten Werk Kästners.