Memes als Kulturgut des Internets

Bilder mit witzigen Beschriftungen gehören zur virtuellen Welt einfach dazu

Meine Goethe! Bilderquelle: memedeutsch.tumblr.com

Der Philosoraptor hat ein Argument...

Nichts zu sehen hier, nur Gangstertiere, die miteinander verhandeln.

Es ist unmöglich, als Nutzer von sozialen Netzwerken, Foren oder Chaträumen keinem einzelnen Meme bis jetzt begegnet zu sein. Diese witzigen Bilder oder Videos, die sich wie ein Lauffeuer übers weltweite Netzwerk verbreiten und es überfluten, haben sich zu einer echten Kommunikationsform unter Jugendlichen entwickelt. Obwohl die meisten Memes humorvoll sind, werden sie für ein wahres Kulturphänomen der virtuellen Welt gehalten und auch ernsthaft von Kommunikationswissenschaftlern erforscht. Drei wichtige Universitäten bieten schon seit ein paar Jahren Kurse über Memes an. Wenn ihr neugierig geworden seid, könnt ihr weiter über die Herkunft des Begriffs lesen, über verschiedene Arten von Memes erfahren und euch über manche Beispiele amüsieren.

Wie kam es eigentlich zum Begriff „Meme“?

Memes mögen ein Kulturgut des Internets sein, aber deren Bezeichnung ist keineswegs eine Erfindung der Internetnutzer. Der Terminus „Meme“ wurde ursprünglich vom britischen Biologen Richard Dawkins in seinem 1976 veröffentlichten Buch „The Selfish Gene“/„Das egoistische Gen“ als auf Englisch ähnlich klingende Bedeutungsentlehnung an dem Begriff „Gen“ vorgeschlagen, welches ein DNA-Abschnitt und Träger einer Erbanlage bezeichnet. „Meme“ ist eine Abkürzung, die der griechischen Wurzel „Mímeme“ entstammt, welche auf die Nachahmung als Verbreitungsart der Memes anspielt. Im Vergleich zu Genen werden Memes von Richard Dawkins als Lieder, Ideen, Schlagworte, Kleidungstrends, technische Tipps usw. definiert, also Einheiten kultureller Informationen, die sich unter Mitgliedern einer Gemeinschaft durch Imitation verbreiten.

Diese Kulturtrends, wenn wir sie so nennen dürfen, haben laut Kognitionswissenschaftler Dan Sperber eine Darstellungsgrundlage. Im Grunde genommen sind sie Symbole, die mit Darstellungen verknüpft werden. Solche Darstellungen können – wie Gene – von einer Generation zur nächsten langsam weitergegeben werden oder sich – ähnlich wie Viren – schnell unter Mitgliedern einer Bevölkerungsgemeinschaft verbreiten und kurzlebig sein. Dem dänischen Sprachwissenschaftler Mogen Olesen zufolge, ist es zwar wahrscheinlicher, dass ein leicht verständliches, vielen Leuten zugängliches Meme, das mühelos im Sinn bleibt, sich weit ausbreitet und beständig ist. Die Übertragung von Memes hängt aber vom menschlichen Faktor ab.

Vom Aufbau her bestehen Memes aus einer Struktur oder Form und einem Bedeutungsinhalt. Sie können außerdem Mutationen erleiden, das heißt eines dieser Merkmale oder beide können sich im Laufe der Zeit oder sogar von einem Vermittler zum anderen verändern.

Internet-Memes

All die bereits erwähnten Charakteristika gelten nicht nur für die ursprünglichen Memes, die Einheiten kultureller Informationen, sondern auch für die neuartigen, lustigen Internet-Memes, die Anfang der 2000er Jahren erschienen sind.

In seinem 2013 in der Zeitschrift „Revista CES Psicología“ veröffentlichten Aufsatz mit dem Titel „Definition und Beschreibung des Begriffes Internet Meme“ schreibt Carlos Mauricio Castano Díaz, Absolvent der Universität Kopenhagen, dass sich das Internet-Meme als eine auf einem wirklichen Ereignis oder auf einer echten Person basierende humorvolle Idee oder Erfahrung definieren lässt, die in Form eines Sinnspruchs, eines von Text begleiteten Bildes oder Videos über E-Mail, Foren, soziale Netzwerke und Chaträume virulent, in kürzester Zeit, verbreitet wird. Daher bezieht sich auch die neue Redewendung „viral gehen“ als buchstäbliche Übersetzung aus dem Englischen („to go viral“) auf die schnelle Übertragung der Memes, ähnlich wie im Fall von Viren, in einem Empfängerkreis.

Ein Internet-Meme wird als Kopie oder mit veränderter Form oder Bedeutung von Person zu Person weitergeleitet. Am meisten schwankt dessen Form und dasselbe Meme kann mit anderen Figuren oder einem verschiedenen Hintergrund auftreten. Die Mutation geschieht arbiträr, durch Bedeutungserweiterung oder Parodie und kann das Meme in so einem Maße verändern, dass etwas völlig Unterschiedliches von der anfänglichen Multimediadatei geschaffen wird. Was vom ursprünglichen Inhalt und von der Form noch erhalten bleibt, das entscheidet allein der Internetnutzer, der das Meme mit anderen teilt. Hauptsache, das Meme ist witzig oder ironisch und dessen Inhalt ist nachvollziehbar und erweckt beim Empfänger das Gefühl der Selbstidentifizierung oder Empathie. Zudem kann man behaupten, dass Internet-Memes ähnlich wie eine Sprache der Jugendkultur zur spaßhaften Vermittlung von Popkultur, Lebenstipps und Ratschlägen, sowie der selbstironischen Mitteilung von eigenen Erfahrungen und der Benachrichtigung über soziale und politische Ereignisse dienen. Diese Art von Kommunikation fungiert unter Jugendlichen fast wie eine Geheimsprache, da nur Mitglieder des vertrauten Empfängerkreises die in den Memes enthaltenen Informationen dekodieren können und sie zum Beispiel älteren Generationen oder Leuten ohne Internetanschluss eher unbegreiflich sind. Überraschenderweise können Memes nicht nur von der Online-Versetzung von Multimediainformationen über Ereignisse aus dem Offline-Bereich nutznießen, sondern auch die Werbeindustrie kann von der online gewonnenen Popularität mancher sehr bekannten Memes profitieren und sich ihrer offline für Straßen- oder Fernsehwerbung bedienen.

Meme-Typen und  Beispiele

Die Pointen der Memes reichen von einfachen und harmlosen Wortwitzen bis hin zu schwarzem Humor und Zynismus, der bewusst gegen gesellschaftliche Normen und Sitten, und, unter Umständen, auch gegen die politische Korrektheit verstößt. Behandelt werden Erlebnisse aus dem Alltagsleben, komische Überlegungen zum Zeitgeschehen, Kommentare zu Kulturgütern wie Filmen, Serien, Videospielen oder Songs, witzige Fotografien oder auch völlig frei erfundene Fantasie-Memes mit teilweise schon fast surrealem Charakter.

Ein gutes Beispiel für ein Wortwitz wäre das abgebildete Meine-Goethe-Meme, welches auf der akustischen Ähnlichkeit des Wortes „Güte“ aus dem überraschten Ausruf „Ach du meine Güte!“ und dem Nachnamen des berühmtesten deutschen Schriftstellers, Johann Wolfgang von Goethe, basiert und auf das Vorurteil bezüglich deutscher Staatsbürger anspielt, Goethe wie einen Gott zu verehren, zumal „Güte“ als Tabuformel zum Ersatz des Namen Gottes durch seine Eigenschaft aus Scheu vor seiner Anrufung gilt.

Das Gangstertiere-Meme zeigt ein Null-Grad-Treffen zwischen Katzen und Enten. Der Humor entspringt in diesem Fall aus der Beschriftung des Fotos, das die Tiere personifiziert, indem sie in den Kontext einer typischen Filmszene mit Gangsterbanden versetzt werden.

Das bekannte Beispiel des „Philosoraptor“-Memes gehört sowohl zur Kategorie der komischen Überlegungen zum Zeitgeschehen, als auch zu jener des Verstoßes gegen gesellschaftliche Normen.

Im Bereich der am meisten geteilten, tierischen Beratungs-Memes können solche wie jenes des sozial ungeschickten Pinguins, des gestehenden Bären mit einem traurigen Gesichtsausdruck, der gut beratenden Mallard-Ente u. a. erwähnt werden.

Sehr populär unter Internetnutzern sind auch die Figuren der Comicserie „Rage comics“/„Wut Comics“ mit sehr einfach gezeichneten Strichmännchen, die das Einfügen des eigenen Textes in ihren Sprechblasen ermöglichen.

Meist handelt es sich bei Memes um lustige Bilder mit zynischem Text, kurzweilige Videoclips oder auch bekannte Momente und Figuren aus der Popkultur wie Schauspieler oder Sänger. Oftmals trifft es aber auch ganz normale Menschen, die per Zufall berühmt und zu Online-Kultfiguren werden. Die treffendsten Beispielen von Privatpersonen, die, ungewollt, über Nacht zum Meme geworden sind, wären Disaster Girl/Katastrophen-Mädchen, das vor einem brennenden Haus steht und seitwärts schauend auf bedrohliche Weise lächelt; Success Kid/Erfolgskind, ein Kleinkind, das auf dem Strand seine Hand im Zeichen des Erfolgs ballt und Bad Luck Brian/Pechvogel-Brian, ein nicht fotogener Bursche, dessen Text immer von seinem paradoxen Misserfolg erzählt. In Wirklichkeit handelt es sich im ersten Fall um eine Feuerwehrübung mit Publikum, im zweiten um ein Kind, das Sand aus seiner Faust zu essen versuchte, und im letzten Fall um ein nicht gelungenes Jahrbuchfoto eines Abiturenten. Die unwillkürliche Werbung brachte ihnen jedoch Internet-Ruhm sowie zusätzliche Einkommen.

Memes sind, neben einer neuen Form von Kommunikation unter Jugendlichen, auch ein lustige Unterhaltungsmöglichkeit und eine witzige Weise der Vermittlung von Informationen. Wer sich für Memes interessiert und ihre Geschichte erfahren will, der kann sie alle auf der Plattform knowyourmeme.com, die sie zu inventarisieren versucht, finden.

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