Zeit der Legenden

Ileana Cotrubaș als Violetta Valéry an der Met 1981

Als die Metropolitan Opera am 14. Juli in der Serie der Opera Streams eine Aufführung von Verdis „La Traviata“ von 1981 mit Ileana Cotrubaș in der Titelrolle zeigte, bot sich die seltene Gelegenheit, die große rumänische Sopranistin am Höhepunkt ihrer Karriere in einer legendären Produktion wieder zu erleben. Was für ein Fest! Für den heutigen Betrachter, der die wunderbare Sängerin nicht mehr live auf der Bühne erleben konnte, war das eine Chance, die man sich nicht entgehen lassen wollte: ein Blick zurück in eine goldene Zeit der Oper, in eine Zeit der Legenden. Denn an der Seite der Cotrubaș war Placido Domingo zu hören, der ebenfalls im Alter von 40 Jahren damals schon zu den größten Tenören zählte.

Es ist der Met zu danken, dass sie aus dem großen Fundus legendärer Aufnahmen in dieser Zeit der geschlossenen Theater eine Selektion der besten anbietet, und so die Möglichkeit gibt, die größten Musiker vergangener Zeiten zu erleben, ob es nun Luciano Pavarotti, José Carreras, Joan Sutherland, Kathleen Battle, oder eben Ileana Cotrubaș und der bis in unsere Tage noch aktive Placido Domingo ist, der mit fast 80 Jahren weiterhin den großen Bühnen erhalten geblieben, ob als Bariton oder Dirigent, Intendant oder Gründer des Operalia-Gesangswettbewerbs, und damit eine der langlebigsten Musikerpersönlichkeiten ist.

Ileana Cotrubaș wusste stets, was sie von sich und ihrer Kunst wollte, und zwar höchste musikalische Standards und Glaubwürdigkeit der Charaktere. So überzeugt sie in der Rolle der Violetta Valéry dann auch durch die absolute Identifikation mit der Gestalt, in der sie vollständig aufgeht. Eine gewisse Theatralik der alten Schule, die jedoch nicht aufgesetzt, sondern real empfunden erscheint. Die Interpretation der Partie gehört zu den besten und im wahrsten Sinne der Wortes schönsten, die es von dieser Rolle gibt: eine Gesangskultur wie von einem anderen Stern, herrlich sanft, fließend im Aufbau, die ideale Balance zwischen leisen Tönen und kraftvollen findend. Eine hervorragende Kontrolle der Stimme, die aus der tiefen Kenntnis der intimsten Regungen der Gestalt entsteht, rundet das beeindruckende Bekenntnis der Cotrubaș zu einer der glorreichsten Rollen der Operngeschichte, die von vielen großen Sopranistinnen großartig gesungen worden ist, selten aber so ins Mark geht und die ganze Tragik der Kameliendame offenbart, ab. An ihrer Seite ein bestens aufgelegter Placido Domingo, mit sicherer Stimmführung, Vitalität und südländischem Charme, eine absolute Idealbesetzung.

Eine wahre Sternstunde der Operngeschichte entfaltet sich, jederzeit all jenen zu empfehlen, die eine tief empfundene, wahrhafte, beseelte Traviata erleben möchten.

Die von der Met präsentierte Produktion vom 28. März 1981, in der Regie von Colin Graham, lässt den Sängern den Vortritt, sie ist Kulisse für die Stimmen. Das mag im Sinne von Ileana Cotrubaș gewesen sein, war sie doch Zeit ihres Lebens eine Kritikerin des Regietheaters. Der Dominanz der Regie widersetzte sie sich, sprach sich zum Frust so manchen Regisseurs gegen bestimmte Anweisungen aus. Dass sie es ernst meinte, untermauerte sie 2017 in dem Buch „Die manipulierte Oper“, in dem sie gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem deutschen Dirigenten Manfred Ramin, ihre Sicht der Dinge darstellte.

Ileana Cotrubaș geht und ging es stets um die Stimme, und ja, ihre Stimme wird für immer bleiben, ihre Schönheit wird uns begleiten, uns freuen und trösten können, auch und gerade in trostlosen Zeiten.
Das Publikum an der Met jubelte der Cotrubaș im März 1981 herzlich zu. Welch Glück, dass dieses wunderbare Zeitdokument erhalten geblieben ist.

 

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