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Essen und Trinken am Küchentisch der Erinnerung

Teutsch-Haus Hermannstadt ist Gastgeber einer dokumentarischen Wanderausstellung in deutscher und rumänischer Sprache

Küchenporzellan mit Gedichtzeilen und Ziermustern in siebenbürgisch-sächsischen Pastellfarben steht im Terrassensaal des Teutsch-Hauses Hermannstadt zur Betrachtung bis 20. Juli. Foto: Klaus Philippi

Hermannstadt – Nahrungsmittelknappheit in den Ostblockstaaten und Überfluss auf Regalen westlicher Discountläden bestimmten die Fahrtrichtung vieler Urlauber und noch mehr Ausreisender auf der Europakarte ungenießbarer Jahrzehnte vor und nach dem Fall der Berliner Mauer und des Eisernen Vorhangs. Dennoch war Lebensmittelversorgung auf dem alten Kontinent während der Nachkriegszeit nicht vom Start weg jene Einbahnstraße, an die heute oftmals mit gemischten Gefühlen erinnert wird. Europa musste sich selbst sammeln und auf Modus Sofortverbrauch leben. Jedes Horten von Langzeitreserven war zunächst ausgeschlossen.

Ein schlüssiger Kurzvortrag von Patricia Erkenberg, Mitarbeiterin im Sachgebiet Kultur- und Bildungsarbeit beim Haus des Deutschen Ostens München (HDO), eröffnete  am 20. Juni die bis einschließlich Samstag, den 20. Juli, im Terrassensaal des Begegnungs- und Kulturzentrums „Friedrich Teutsch“ der Evangelischen Kirche A.B. Rumäniens in Hermannstadt/Sibiu stationierte Wanderausstellung „Kann Spuren von Heimat enthalten“, die von kulinarischen Sondergewohnheiten deutscher Minderheitsbevölkerungen zwischen Ostsee und Schwarzem Meer berichtet. „Man schaute auch beim Nachbarn in den Topf“, resümierte die Kulturwissenschaftlerin im Rückblick auf den länderübergreifenden Neustart vor 75 Jahren. Beschaulich war mutmaßlich um die damalige Zeit die Anzahl derjenigen Zivilpersonen und Familien, die aus der Not heraus nicht das Bedürfnis empfanden, Küchenrituale ihrer Mitbürger auszuspähen.

Essen und Trinken gelten als physiologische Bedürfnisse und stellen folglich die Basis der Bedürfnispyramide nach dem Modell des US-amerikanischen Psychologen Abraham Maslow (1908-1970). Stehen die Zutaten leiblichen Wohles auf nicht ausreichend gesunden Füßen, vermehren sich die Hindernisse auf dem Weg der Erfüllung von Sicherheits-, sozialen und Individualbedürfnissen, auch rückt dadurch das letztliche Ziel Selbstverwirklichung in weite Ferne.
Im Brennpunkt der Wanderausstellung leben stereotype Geschmäcker von Deutschen auf, die zeitgleich oder kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges nach Deutschland umsiedelten. Nicht unerwähnt bleiben der Einfluss von Auswanderern der 60er-Jahre und die Herausforderung an Spätaussiedler, den Tapetenwechsel von Schmalhans Küchenmeister zu westlich glänzendem Füllhorn gesund und nebenwirkungsfrei zu verdauen.

„Rezepte waren ein immaterielles Gepäck, das die alte Heimat an den neuen Tisch bringen sollte“, so Patricia Erkenberg. Abhängig von den geographischen Gegebenheiten spricht man von der Hauptzutat Fisch im Baltikum, von deftiger Küche in Schlesien als natürlicher Folge von körperlich schwerer Bergarbeit und von bekannt habsburgischen Einflüssen in Siebenbürgen, die jeweils mit auf Heimatsuche gingen. Integration und Assimilation sind hierbei nicht mit-einander zu verwechseln. Alteingesessene Bürger Deutschlands haben den häufigen Einsatz von Mohn, Paprika und Knoblauch in den Küchen ihrer neuen Nachbarn tolerieren gelernt oder deren Traditionen gar in den eigenen Alltag integriert. Doch gibt es auch Zutaten wie den Sammelbegriff Pilze, die in der kulinarischen Weltanschauung Deutschlands nach wie vor stiefmütterlich mit Unverständnis abgetan werden.

Wegen Ausreiseentschluss musste manch ein Lebensmittelhändler bei dauerhaftem Verlassen der alten Heimat seinen Betrieb stilllegen. Zig Unternehmer ließen trotz Umsiedlung nicht vom kulinarischen Geschäftssinn ab und führten Neugründungen auf bundesdeutschem Territorium durch. Die 1949 eingetragene Schokoladenmarke Rübezahl GmbH, Erzeugerin von jährlich 80 Millionen Adventskalendern, Weihnachtsmännern und Osterhasen, ist einer Geschäftsvision des Kaufmanns Josef Cersovsky zu verdanken, der aus dem Gebiet des Riesengebirges stammte. Sieben Stück nebeneinander aufgereihte Burgreliefs im Logo der bekannten Herstellerkette rumänischer Delikatessen Winklerswurst GmbH stehen für die Biografie von Firmenchef Klaus Winkler. Experimentierfreudigen Besuchern der Wanderausstellung im Teutsch-Haus Hermannstadt stehen Exemplare von Kochbüchern der Autorinnen Martha Liess, Dagmar Dusil, Christine Schuster, Olga Katharina Farca, Heidemarie Bonfert und Brigitte Ina Kuchar zum Schmökern zur Verfügung.

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Bemerkungen :

  • user
    Anne 29.06.2019 Beim 16:13
    Sprachliche Finesse und sentezenhafte Kuerze geben diesem informativen Artikel die noetige, sprichwoertliche Wuerze. Gespickt mit Beispielen aus dem ganzen deutschen Kulturraum, enthaelt der Bericht von der Vernissage jedoch leider nur einen einzigen Schnappschuss. Man wird sehr neugierig. Ich wuensche der Ausstellung viele junge Besucher!