Traumhaft und übersinnlich – ein Abend mit der Dichterin Nora Iuga

Svetlana Cârstean, Nora Iuga und Radu Vancu Foto: Aurelia Brecht

Hermannstadt – „Wie viele junge Menschen da sind! Jedes Mal ist die Mehrheit jung. Ich hatte immer Angst, dass bei meinen Lesungen keine jungen Menschen sind und die Mehrheit in meinem Alter sein würde. Es ist unglaublich, so von der jungen Generation verstanden zu werden.“ Mit diesen Worten eröffnete die Dichterin Nora Iuga ihre Lesung, die am Dienstag, den 20. Juni in der Humanitas-Buchhandlung stattfand. Vorgestellt wurde das 2023 erschienene Buch „Fetița strigă-n pahar“ (dt.: „Das Mädchen ruft im Glas“), das im Nemira-Verlag erschienen ist und 58 Gedichte vereint.

Der Hermannstädter Schriftsteller und Übersetzer Radu Vancu eröffnete die Buchvorstellung: Die Gedichte in „Fetița strigă-n pahar“ seien ein Zusammenschnitt verschiedener Stile und Reminiszenzen von Autoren wie Coșbuc oder Eminescu. In dieser Kombination habe ihre Poesie auch etwas von alten „Kinderreimen“ – mit denen gespielt würde, die neu interpretiert und in andere, neue Kontexte eingebunden würden. Spielerisches und Tragisches wechsele sich in den Gedichten ab. Eine unglaubliche Kraft und Vitalität gingen von der Dichterin und ihren Gedichten aus.

Die Autorin Svetlana Cârstean betonte, das Buch sei ein hundertprozentig neuer Gedichtband – es gäbe keine älteren Gedichte, die in dem Band erneut auftauchten: „Ich empfehle den Band ganz durchzulesen“ – erst das Ende der Lektüre gebe den Lesern den Schlüssel zu allen behandelten Themen. Nicht zuletzt handele es sich um ein Buch über „Erinnerung“. Diese werde konstruiert und dekonstruiert. Es gehe da-rum, was ein Mensch mit ihr mache und was sie mit ihm mache. So sei das Buch wie ein Puzzle, das Althergebrachtes zu Neuem zusammensetze.

„Ich denke, dass mir die Pandemie wesentlich dabei geholfen hat, diese neue Stimme zu finden, die sich in der Lyrik des Bandes zeigt. Aber mein Eindruck ist, dass die Stimme mich gefunden hat und nicht ich die Stimme“, so die Dichterin. Der absoluten Einsamkeit verdanke sie den Band, der neu entstanden sei. Das morgendliche Aufwachen sei in dieser Zeit der Isolation immer von Versen begleitet gewesen. Viele dieser Verse hätten den Stil der rumänischen Volksdichtung aufgewiesen. Dies habe sich aber auf natürliche Weise ergeben: „Ich habe mich sehr stark als Kind gefühlt, in einer unschuldigen, ‘puren’ Art und Weise.“ Es sei zudem nie ihre Intention gewesen, zu schreiben, um einen Weg aufzuzeigen, die Menschheit besser zu machen oder ihren Mitmenschen Botschaften zu vermitteln.
Als „Dessert“, so Iuga, fungierte das sich anschließende Gespräch mit dem Publikum: In familiärer Atmosphäre gab die Dichterin Antwort auf die Frage nach dem Titel des Gedichtbandes. Die Antwort gebe auch das Buchcover, auf dem ein Mädchen zu sehen sei, dass neben einem Tisch sitze, auf dem ein umgedrehtes Glas abgestellt sei. Im Glas sei der geheime Schmerz des Mädchens eingeschlossen. So sehe sich auch die Dichterin.

Eine Lesung mit Nora Iuga entführt die Anwesenden in eine andere Welt. Etwas Kindliches haftet ihr an. Das Publikum in ihren Bann zu ziehen, fällt ihr nicht schwer. Sie liest, man erwacht aus einem Traum. Am Ende sind alle in einer Art Sog, der sich nur langsam auflöst.