Unbekanntes Kirchenburgenland

Eine Reise durch das Szeklerland zu mächtigen Kirchenburgen und grazilen Wehrkirchen

Rechteckige Beringe sind typisch für die Kirchenburgen der Szekler (hier in Aita Mare).

In Cârţa wird der Besucher an sächsische Kirchenburgen erinnert.

Das Kirchlein in Ghelinţa ist bekannt für mittelalterliche Fresken.

Auch äußerlich unscheinbare Kirchen wie jene in Mugeni lohnen einen Besuch.

Es ist erstaunlich, das sie trotz ihrer großen Zahl so wenig bekannt sind, das manch ein Reiseführer sie gar nicht erwähnt, und andere lediglich am Rande. Vielleicht liegt es an der Eigenart von Ungarn und Szeklern, am liebsten in der Heimatsprache für ihre Baudenkmäler zu werben – so erklärten sich jedenfalls einige Einheimische im Szeklerland das Unwissen der Auswärtigen. Die Rede ist von den Kirchenburgen der Ungarn und Szekler, die in großer Zahl die Dörfer von Klausenburg/Cluj-Napoca bis Târgu Secuiesc dominieren. Manche Burg duckt sich bescheiden an die Erde, andere erheben sich mit trutzigen Mauern und hohen Türmen stolz gen Himmel. Eine Reise durch das Szeklerland/Secuime lenkt den Blick auf ausgewählte Kirchenburgen.

Die Sachsen begannen nach der türkischen Belagerung von Mühlbach/Sebeş im Jahre 1438, ihre Kirchen zu befestigen. Später folgen ihrem Beispiel die Ungarn in begrenztem Umfang, schreibt László Debreczeni in dem 1929 erschienen Buch „Reformierte Kirchen und Kirchenbauten in Siebenbürgen“, ihm zufolge „werden die befestigten Kirchen des Szeklerlandes in der wirren Zeit des 16. Jahrhunderts erbaut“. In den anschließenden Jahrzehnten bauen auch die Gemeinden in Nord- und Mittelsiebenbürgen ihre Gotteshäuser zu mehr oder weniger sicheren Rückzugsorten aus, laut Debreczeni geschieht das nach dem Fall von Großwardein/Oradea und der Grenzburgen im 17. Jahrhundert.

Über den Alt ins Szeklerland


Bei einer Fahrt durch das Szeklerland entdecke ich in fast jedem Dorf eine mehr oder weniger stark befestigte Kirchen. Typischerweise ummauerten die Szekler ihre Gotteshäuser, im Gegensatz zu den Siebenbürger Sachsen, die oft zuerst ihre Kirchen wehrbar machten und zusätzlich Beringe um die Kirchen zogen. Ich beginne meinen Streifzug entlang der historischen Grenze zwischen dem Siedlungsgebiet und dem Szeklerland, auf dem linken Ufer des Alt/Olt. Bei Nussbach/Maieruş setze ich über den Fluss und gelange nach Araci, von wo aus ich nach Norden nach Belin/Bölön fahre.

Oberhalb der Hauptstraße erhebt sich umgeben von einer hohen Ringmauer die unitarische Kirche. Der pensionierte Pfarrer Albert Kozma wohnt neben der Kirche und öffnet auf Wunsch das hohe Gittertor zum Burghof. Die erste dokumentierte Kirche sei im 13. Jahrhundert errichtet worden, berichtet Kozma, den ursprünglich romanischen Bau ersetzte man bereits im folgenden Jahrhundert durch eine gotische Kirche. Im unruhigen 15. Jahrhundert errichten die Bewohner von Belin die ovale Ringmauer. Um diese Zeit gehört das Dorf zu den großen Siedlungen, 130 Höfe zählt man 1567; zum Vergleich: das heute ungleich größere Neumarkt am Mieresch/Târgu Mureş hat damals 125 Höfe. Im 17. Jahrhundert wird der Bering auf die heutige Höhe aufgestockt. Aufmerksamkeit verdient jedoch die nach 1894 errichtete Kirche – ihre Vorgängerin war bei einem Erdbeben beschädigt worden und musste abgetragen werden. Die neue Kirche ist – völlig untypisch für die Kirchenbauten dieser Gegend – im byzantinischen Stil gebaut mit einer 29 Meter hohen Kuppel.

Mächtige Bastionen und niedrige Ringmauern


Ein Dorf weiter in Aita Mare/Nagyajta stoße ich ebenfalls auf eine Kirchenburg (Bericht über das Gästehaus "Black Stork" in Aita Medie). Wie bei den meisten Kirchenbauten im Szeklerland ist die Kirche turmlos geblieben, nur das Schiff wird von von der viereckigen Ringmauer mit ihren zwei Bastionen geschützt. In diese sind häufig Türme integriert, meist als Tortürme, die zum Teil als Glockenturm eine Doppelfunktion innehaben. In den Dörfern Richtung Norden gibt es weitere Burgen, so zum Beispiel in Baraolt/Barót oder Micloşoara/Miklósvár, wo zudem das Kálnoky-Schloss sehenswert ist.

Von hier richte ich mich gen Sfântu Gheorghe/Sepsiszentgyörgy, wo ich am Ortsausgang Richtung Băile Ţugaş eine gotische Kirchenburg finde, die von einer hohen weißgetünchten Mauer umgeben ist. Interessant ist auch ein Halt in dem vor Sfântu Gheorghe gelegenen Ilieni/Illyefalva, wo der deutschsprachige Pfarrer Kato Bela die Geschichte der Kirchenburg mit dem fünfeckigen Bering erzählt. Hinter der Stadt lohnt ein Abstecher nach Arcuş/Àrkos, wo mächtige Bastionen die Ringmauer der Kirchenburg säumen.

Fresken erinnern an St. Ladislaus


Bekannt für ihre spätmittelalterlichen Fresken ist das Kirchlein in Ghelinţa/Gelence. Sie liegt kurz vor Târgu Secuiesc/Kézdivásárhely. Eine alte Frau besitzt den Schlüssel, sie führt gerade eine Gruppe Touristen aus Ungarn herum. Ist sie nicht vor Ort, kann man sie im Laden an der Brücke anrufen lassen. Entschuldigend gibt sie mir zu verstehen, dass sie nur ungarisch spricht. Alternativ bietet sie mir eine kleine Broschüre zum Kauf an, in der die Geschichte der Kirche auf Rumänisch und Englisch geschrieben steht. Das katholische Kirchlein datiert zurück in die Zeit der Árpáden. Erhalten ist das im 13. Jahrhundert erbaute Kirchenschiff. Bekannt geworden ist die Kirche wegen ihrer Wandmalereien. Die ältesten Fresken an der Nordwand stammen aus der Erbauungszeit der Kirche und zeigen die Ladislaus-Legende und die Passionsgeschichte. Im südlichen Schiff wird das Jüngste Gericht dargestellt. Doch damit nicht genug – auch die Renaissance-Kassettendecke von 1628 und die barocken Heiligen-Darstellungen an der hölzernen Galerie sind sehenswert.

Weiter im Norden erreiche ich den ausgedehnten Talkessel von Miercurea Ciuc/Csíkszereda. Eine Kirchenburg, deren Bering weitgehend im Originalzustand erhalten ist, finde ich in  Cârţa/Csíkkarcfalva. Auf den ersten Blick mutet der Ort wie ein sächsisches Dorf an: giebelständige Häuser in einer Zahl, wie man sie in der Umgebung sonst nirgends findet, alle mit den typischen Krüppelwalmdächern, einige besitzen dazu die hohen gemauerten Torbögen. Eine Erklärung für diese architektonische Besonderheit kann mir der Pfarrer der römisch-katholischen Kirche nicht geben.

Hinter seinem Haus an der Grenze zum Nachbardorf Ineu-Ciuc/Csíkjenöfalva erhebt sich ein felsiger Hügel, der von einer acht Meter hohen, aus Feldsteinen errichteten Ringmauer gekrönt ist. Diese wurde 1444 gebaut, erfahre ich aus einem Anschlag an der Eingangstür. Die Mauer ist bis heute unverändert,  ihre Innenseite umläuft ein intakter hölzerner Wehrgang. Der heutige Torturm wurde 1720 zum Glockenturm im Barockstil umgebaut, davor war er als Bergfried in die Verteidigungsanlage eingebunden. Einen barocken Umbau erfuhr 1796 auch das Innere des Kirchenschiffes, das spitzbogige Schiff erhielt eine Flachdecke mit Stuckverzierungen. Das gotische Kreuzrippengewölbe ist lediglich im Chor erhalten geblieben.  

Weltkulturerbe-Burg in Dârjiu

Nach diesem Abstecher führt mich mein Weg zurück nach Süden über Odorheiu Secuiesc/Székelyudvarhely in Richtung Schäßburg/Sighişoara. Noch viele Kirchenburgen bekomme ich zu Gesicht. Warum, frage ich mich, hat es nur eine von ihnen auf die Weltkulturerbeliste der Unesco geschafft? Lediglich die Kirche in Dârjiu/Székelyderzs wurde mit diesem tourismusförderndem Prädikat gewürdigt. Die offizielle Begründung betont die Einzigartigkeit der Bauweise: Nur in Dârjiu hätten die Szekler auch die Kirche wehrbar gemacht, sie setzten ihr ähnlich wie die sächsischen Nachbarn ein Wehrgeschoss auf. Sonst beließen es die Baumeister bei Ringmauern. In ihrem Innern birgt die unitarische Kirche wertvolle mittelalterliche Fresken, ähnlich wie die Kirchen in Mugeni/Bögöz oder Ţimoneşti/Siménfalva. 

Das Fazit dieser kleinen Reise: Es lohnt ein Abstecher an die Oberläufe von Alt, Mieresch und der beiden Kokeln. Neben landschaftlichen Reizen besitzt die historische Region eine Vielzahl an sehenswerten Baudenkmälern, die denen im südlichen Siebenbürgen ebenbürtig sind.

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