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Wo die Donau die Südkarpaten durchbricht

Eine Erkundungs- und Begegnungsreise Ende September 2019 durch den Donauengpass beim Eisernen Tor (V)

Schlafzimmer eines türkischen Hauses auf Ada Kaleh, mit zwei Aussteuertruhen (die heiratsfähigen Mädchen mussten die Truhe bestücken, für Braut und Bräutigam Aussteuer in derselben Truhe): Bettstatt, Trinkgefäße, Wasserpfeife, rituelle Waschausstattung, Heizbecken (für Holzkohle), ein Kaftan mit Fez.

Der letzte noch im Großraum Orschowa lebende Türke, Engür Ahmet (78), der auf der Insel Orschowa zur Welt kam. Fotos: Zoltán Pázmány

Zwei international bekannte deutsche Persönlichkeiten hat Turnu Severin hervorgebracht, ein Städtchen, das bis zum Ersten Weltkrieg als „deutsche Stadt“ galt, wegen des hohen Anteils Deutschsprachiger in der Bevölkerung. Sie kamen praktisch aus ganz Europa und haben sich hier am Ausgang des Donauengpasses niedergelassen, in einem Städtchen mit internationalem Flair und gutem Anschluss an Mitteleuropa wie an den südöstlichen Balkan. Dazu trug die in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts gegründete Donaudampfschifffahrtsgesellschaft (DDSG – deren Gründung auch eine indirekte Folge des Friedens von Adrianopel war) bei, aber auch die Eisenbahnlinie Temeswar-Bukarest, die im letzten Quartal des 19. Jahrhunderts in Betrieb genommen wurde. Selbstverständlich hat auch die Präsenz des rumänischen Herrscherhauses mit deutschen Wurzeln zur Attraktivität des Raums beigetragen, das sich die schon damals untereinander zerstrittenen Politiker der Donaufürstentümer, quasi als Mittler und Ausgleichsfaktor, ins Land geladen und als Oberhaupt anerkannt haben. Turnu Severin ging in die Geschichte ein, weil König Karl I. von Hohenzollern-Sigmaringen hier erstmals rumänischen Boden betrat.

Die eingangs erwähnten deutschen Persönlichkeiten, die in Turnu Severin geboren wurden, sind der spätere österreichische Gewerkschafter und Spitzenpolitiker Anton Linder (1880-1958 – seine Eltern waren aus Wien) und Generaloberst Alexander Löhr (1885-1947 – sein Vater kam aus Mainz, seine Mutter aus Odessa), einer der drei Offiziere österreichischen Ursprungs (neben Erhard Raus und Lothar Redulic), die es in der Wehrmacht zum Generaloberst brachten. Linder musste in der braunen Zeit Österreich bzw. Nazideutschland verlassen und sich in der Schweiz im politischen Asyl mit seiner vielköpfigen Familie – fünf adoptierte und zwei eigene Kinder – durchschlagen. Er konnte nach dem Zweiten Weltkrieg weiter als Spitzenpolitiker der Republik Österreich tätig sein. Der Fliegergeneral und Oberkommandierende der Luftflotte 4 sowie Oberbefehlshaber Südost (Balkan) und der Heeresgruppe E, Generaloberst Alexander Löhr, geriet dagegen nach der Kapitulation in jugoslawische Kriegsgefangenschaft, nachdem die Briten seiner 150.000-Mann-Heeresgruppe die Annahme der Kapitulation und die Übernahme in Kriegsgefangenschaft verweigerten. Löhr, unter dem auch der spätere UN-Generalsekretär Kurt Waldheim als Offizier diente, wurde im Februar 1947 in Belgrad als Kriegsverbrecher in einem Schauprozess verurteilt und erschossen. Ein Gnadengesuch lehnte er ab. Der Hauptanklagepunkt war die Bombardierung von Belgrad und dies ohne Kriegserklärung und obwohl Belgrad zur „offenen Stadt“ erklärt worden war. Löhr hatte in seinen militärtheoretischen Studien die Theorie der Luftschläge entwickelt, die vorsah, in Feindstaaten die verwundbarsten Stellen zu treffen und den „Organismus des Feindstaats“ so durch Zerstörung seiner Schwachpunkte zu lähmen. Dafür wurden auch umfangreiche Verluste in der Zivilbevölkerung in Kauf genommen.

Zeugnisse einer untergegangenen Welt

Heute ist Drobeta-Turnu Severin eine eher triste Stadt, verfügt aber über ein betont südrumänisches Flair – das sonnige Oltenien lässt grüßen! – und einige durchaus sehenswerte Ziele.
Etwa das Museum des Eisernen Tors neben dem zentral gelegenen Wasserturm, das in diesen Tagen wiedereröffnet wird und durchaus das Zeug dazu hat, ein Anziehungspunkt zu werden. Grund hierfür sind nicht nur seine beiden Zweigstellen, von denen eine (mit beeindruckenden Exponaten aus dem Leben der Türken von Ada Kaleh) im Dammkörper des Donaukraftwerks und eine in mehreren und viel zu kleinen Räumen in Orschowa (die Straße der römisch-katholischen Kirche hi-nauf, Richtung orthodoxes Sankt-Annen-Nonnenkloster) untergebracht wurde.

Das Stammmuseum in Turnu Severin liegt genau dort, wo die Ruinen des römischen Castrums freigelegt wurden, die Teil des Museums sind und wo der noch erhaltene Brückenfuß der Apolodorus-Brücke sichtbar ist. Das Museum verfügt über ein reiches Inventar an authentischen Stücken von der Türkeninsel Ada Kaleh (türk. Ada Kale - „Inselfestung“, zeitweilig auch „Carolinen-Insel“ oder „Neu-Orschowa“ genannt), da die damalige Museumsleitung 1969 den guten Einfall hatte, nach dem Verlassen der Insel durch seine knapp 600 Bewohner jedes Haus nach Zurückgelassenem zu durchforsten und dem Museumsinventar einzuverleiben. So ist dieses Museum zum einzigen Ort geworden, an dem die vielfältigsten Erinnerungen an eine türkische Enklave aufbewahrt werden, die seit 1739 (Bau der Mohammed-Sultan-Moschee) von Türken aus dem ganzen Osmanischen Reich bewohnt und bei den Friedensverhandlungen 1919-1920 in den Pariser Vororten einfach vergessen wurde. 1969 kam es wegen des Baus des Donaukraftwerks beim Eisernen Tor I zur zwangsweisen Umsiedelung, bevor die Enklave dann 1970 überflutet wurde. Heute lebt die überwiegende Mehrheit der damaligen Bewohner und ihrer Nachkommen in der Türkei und nur noch sehr wenige in Rumänien, die aber zerstreut sind. Das Angebot, sich auf der Donauinsel Șimian, rund 30 km donauabwärts anzusiedeln, wo man in aller Eile die Vauban-Festung Ada Kaleh wieder aufgebaut hatte, wurde nicht angenommen. Der Wiederaufbau auf Șimian ist heute von Vegetation überwuchert, die Gemeindeverwaltung Șimian, ohne Beziehung zu Ada Kaleh, sieht dem Verwildern teilnahmslos zu.

Das Museum des Eisernen Tors ist zudem für die Zeugnisse der Frühgeschichte Europas von Interesse, wegen der Funde bei Schela Cladovei und Lepenski-Vir, einer frühmenschlichen Kulturinsel von vor 7000 Jahren im Donauengpass, die weltweit nur mit der Mohenjo-Daro-Kultur im Indus-Tal vergleichbar ist. Dazu kommen auch Zeugnisse für die vielfach bedrohten Biotope der Donau, wobei das im Keller des Museums bald wieder zu eröffnende Donauwasseraquarium alle heute noch in der Donau vorkommenden Fische zeigen möchte, oder Zeugnisse des einzigartigen ethnografischen Interferenzraums zwischen Südrumänien, dem Orient, sowie dem Banat und Siebenbürgen, dem Okzident, für dessen Dokumentation es hier eine eigene ethnografisch-ethnologische Abteilung gibt.

Wie sprachen die Türken auf Ada Kaleh?

Der vorletzte in der Umgebung von Ada Kaleh lebende Türke ist in Turnu Severin im Frühjahr 2019 gestorben. Den letzten treffen wir in Orschowa, quasi „hinterm Berg“ und somit nicht mit Blick auf den Golf, auf dessen Grund Alt-Orschowa liegt und wo bei absolutem Niedrigstand des Stausees der Kirchturm der alten römisch-katholischen Kirche zu sehen ist. Ahmet Engür, geboren am 28. Juni 1941, lebt mit seiner rumänischen Frau Mioara („Als wir geheiratet haben, waren beide Familien, der türkische wie der rumänische Teil – meine Frau ist in Bukarest geboren – geschockt und haben uns den `Fehltritt` lange nicht verziehen!“) in Orschowa. Vor ihrem Haus steht ein großer Feigenbaum voller reifer Früchte. Engür hat nur gelegentlich Kontakt zu den wenigen noch lebenden Schul- und Generationskollegen. Bei einer Inselbevölkerung von knapp 600 Personen waren 29 Kinder in seinem Jahrgang, von denen seines Wissens nach nur noch eine Frau in der Türkei und ein Klassenkollege in Weißenburg/Alba Iulia lebt.
Da wir durch die Chefethnografin des Museums in Turnu Severin und durch die Museografin der Filiale Orschowa schon im Vorfeld angekündigt wurden, empfängt Engür uns mit je einer Tasse „echten türkischen Kaffee“. Wie er den beschreiben würde? Herr Engür zog die Hälfte seines Lebens Post-Ada-Kaleh, also ab dem Alter von 27 Jahren, durch Rumänien, als Kaffeesieder oder Barkeeper und sommers vorwiegend als Speiseeishersteller und -verkäufer, wenn er nicht auf Kreuzfahrtschiffen auf der Donau angeheuert hatte. Und für echten türkischen Kaffee gilt: Erst mal muss Kaffee unbedingt auf Holzkohlenglut gebraut sein. Dazu zerklopft man die Holzkohle fast bis zu Staub und die Glut, die man dann entfachen kann, hält bis zu 12 Stunden. Dann mahlt man mindestens drei Kaffeesorten – vorzuziehen sind auf alle Fälle Kaffeebohnen, die man selber röstet – miteinander zu feinem Staub, damit das einen feinen und hocharomatischen Kaimak, den Kaffeeschaum, ergibt. Nicht zuletzt kocht man ihn auf der Holzkohlenglut in kleinen Kupfertiegeln, jede einzelne Tasse Kaffee separat, und lässt ihn dreimal hochkommen – aber nicht überlaufen! Der Rest ist Berufsgeheimnis.
Zugegeben, wir haben seit Langem keinen so guten und vor allem keinen so bekömmlichen Kaffee getrunken wie an jenem Nachmittag unter der Weinrebenlaube des Hauses von Engür Ahmet. Und ganz ohne Milch. Er erklärte: „Schon mein Vater arbeitete als Barkeeper auf Kreuzfahrtschiffen und er hat mir eingetrichtert: Strom ist Gift für den Kaffee, auch Gas, bleib bei der Holzkohle!“ Na ja, heute, mit 78, hat uns Herr Ahmet den Türkischen, wie er selber gesteht, auf dem Gasherd gebraut... Köstlich und brandheiß floss er den Gaumen der Filtergewohnten runter.

Ein Pappenstiel für die Heimat Ada Kaleh

Ob ehemalige Bewohner von Ada Kaleh nach der Wende zurückgekehrt sind? „Ach wissen Sie, das ist in mehrerer Hinsicht kompliziert. Als wir weg mussten – meine Mutter hat verzweifelt Allah angerufen und unser Haus umkreist und jede Ecke des Hauses weinend geküsst! – haben viele kaum eine Entschädigung bekommen für das, was sie verloren haben. Bei uns reichte es gerade für den Kauf eines Kühlschranks. Ein Pappenstiel für eine Heimat. Andere, die die Staatenlosigkeit vorzogen und in die Türkei ausgewandert sind, haben gar nichts bekommen. Und in der Türkei mussten sie ihre Namen türkisieren. Da ist es jetzt schwierig nachzuweisen, dass du der Nachkomme von jemand bist, der auf Ada Kaleh geboren wurde und lebte, aber anders hieß. Und dann noch nachträglich Entschädigung fordern? Was meinen Sie, wie die Offiziellen da reagieren? Obwohl jeder die Geschichte von Ada Kaleh kennt. Andrerseits: Wir sprachen auf der Insel unser eigenes Idiom des Türkischen, das sogenannte `Osmanische` (mit Wörtern aus dem Albanischen, Rumänischen, Ungarischen, Serbischen, Bulgarischen, Bosnischen, Griechischen usw.), weil die Bewohner aus allen Teilen des Osmanischen Reichs stammten. Mein Großvater Hairi kam beispielsweise aus Bosnien, meine Großmutter aus Persien, und kennengelernt hatten sie sich während Großvaters Wehrdienst, um sich dann auf Ada Kaleh niederzulassen, wo mein Vater Mehmet schließlich einen Gemischtwarenladen mit Kaffeehaus betrieb, den man auch auf alten Postkarten sehen kann. Das Ladenschild habe ich dem Orschowaer Museum geschenkt.“ Wo wir es tatsächlich sahen, nicht ahnend, dass wir später den Enkel dessen kennenlernen, der sich als erster seiner Familie auf der Insel niedergelassen hat.

„Am Tag, als die Mohammed- Sultan-Moschee und ihr Minarett gesprengt wurden, im Oktober 1968, war ich auf der Insel. Ich hatte mich als Tagelöhner für die Einebnung des Schutts verdingt, denn man wollte am Grund des Stausees nichts für die Schifffahrt Gefährdendes hinterlassen. (Apropos: mit dem Bau des Staudamms ging auch ein besonderer Beruf in der Donauenge verloren: der des Rifflotsen, jener Lotsen, die die Schiffe sicher zwischen den Riffen am Stromgrund lenkten. Heute ein gänzlich vergessener Beruf.) Ich bin nicht streng mohammedanisch, obwohl ich täglich einige Mal Gebete nach Mekka richte. Aber als die Moschee zusammensackte und das Minarett knickte, standen mir, dem damals 27-Jährigen, Tränen in den Augen.“ 

(Schluss)

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